Hamburgische Dramaturgie.
statt einer feurigen Bestätigung seines Entschlusses erfolgen, dasgute Kind möchte durch ihre Großmuth wieder auf einmal ver-lieren, was sie durch muthwillige Vcrmcsscnheitcn so mühsamgewonnen: doch diese Furcht ist vergebens, und das Stück schließtsich zu unserer völligen Zufriedenheit.
Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veränderung?Zst sie blos willkührlich, oder fand er sich durch die besondernRegeln der Gattung, in welcher er arbeitete, dazu verbunden?Warum gab nicht auch Marniontcl seiner Erzehlung diesen ver-gnügendem Ausgang? Ist das Gegentheil von dem, was dorreine Schönheit ist, hier ein Fehler?
Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerktzu haben, welcher Unterschied sich zwischen der Handlung deraesopischcn Fabel und des Drama findet. Was von jener gilt,gilt von jeder moralischen Erzehlung, welche die Absicht hat,einen allgemeinen moralischen Satz zur Intuition zu bringen.Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht wird, und esist uns gleichviel, ob es durch eine vollständige Handlung, diefür sich ein wohlgeründetcs Ganze ausmacht, geschiehet odernicht; der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald ersich an seinem Ziele sieht; wegen des Antheils, den wir andem Schicksale der Personen nehmen, durch welche er sie aus-führen läßt, ist er unbekümmert, er hat uns nicht intcressircn,er hat uns unterrichten wollen; er hat es lediglich mit unsermVerstände, nicht mit unserm Herzen zu thun, dieses mag befrie-diget werden, oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. DasDrama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seinerFabel fließende Lehre, keinen Anspruch; es gehet entweder aufdie Leidenschaften, welche der Verlauf uud die Glücksvcrände-rungcn seiner Fabel anzufachen, und zu unterhalten vermögendsind, oder auf das Vergnügen, welches eine wahre und lebhafteSchilderung der Sitten und Charaktere gewähret; und beideserfordert eine gewisse Vollständigkeit der Handlung, ein gewissesbefriedigendes Ende, welches wir bey der moralischen Erzehlungnicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit auf den allge-meinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall der-selben ein so einleuchtendes Beyspiel giebt.