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Hamburgische Dramaliirgic.
noch ganz Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; ge-nug, daß mich dieser Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet,als die gesetzmäßigsten Geburten eurer korrekten Racincn, oderwie sie sonst hcisscn. Weil der Maulesel weder Pferd nochEsel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten lasttra-gcndcn Thieren? —
Neun und vierzigstes Stück.Den IKlcn Oclober, 1767.
Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts alsden Dichter zu sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oderaus Gemächlichkeit, oder aus beiden Ursachen, seine Arbeit soleicht machte, als möglich; wo sie die dramatische Kunst inihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese in ihrerVollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister,der im Grunde eben so regelmäßig ist, als sie ihn zu seyn ver-langen, und es nur dadurch weniger zu seyn scheinet, weil erseinen Stücken eine Schönheit mehr ertheilen wollen, von dersie keinen Begriff haben.
Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnenso viel Aergerniß machen, auch ohne diese Prologe, vollkommenganz, und vollkommen verständlich sind. Streichet z. E. vordem Zon den Prolog des Merkurs, vor der Hekuba den Pro-log des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der Morgcnan-dacht des Zon, und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen;sind beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdetihr, was ihr weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nichtda wäre? Behält nicht alles den nehmlichen Gang, den nehm-lichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß die Stücke, nacheurer Art zu denken, desto schöner seyn würden, wenn wir ausden Prologen nicht wüßten, daß der Zon, welchen Krcusa willvergiften lassen, der Sohn dieser Krcusa ist; daß die Kreusa,welche Zon von dem Altar zu einem schmählichen Tode reißenwill, die Mutter dieses Zon ist; wenn wir nicht wüßten, daßa» eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum Opfer hinge-ben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzteneinzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die