erster Band. 221
trefflichsten Überraschungen geben, und diese Überraschungenwürden noch dazu vorbereitet genug seyn: ohne daß ihr sagenkönntet, sie brachen ans einmal gleich einem Blitze auS derhcllcstcn Wolke hervor; sie erfolgten nicht, sondern sie entstün-den; man wolle euch, nicht auf einmal etwas entdecken, son-dern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit demDichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunstvor? Vergebt ihm doch immer einen Fehler, der mit einem ein-zigen Striche der Feder gut zu mache» ist. Einen wollüstigenSchößling schneidet der Gärtner in der Stille ab, ohne aufden gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat. Wolltihr aber einen Augenblick annehmen, — es ist wahr, es heißtsehr viel annehmen, — daß Euripidcs vielleicht eben so vielEinsicht, eben so viel Geschmack könne gehabt haben, als ihr;und es wundert euch um so viel mehr, wie er bey dieser großenEinsicht, bey diesem feinen Geschmacke, dennoch einen so grobenFehler begehen können: so tretet zu mir her, und betrachtet,was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripidcs sahees so gut, als wir, daß z. E. sein Zon ohne den Prolog be-stehen könne; daß er, ohne denselben, ein Stück sey, welchesdie Ungewißheit und Erwartung des Zuschauers, bis an dasEnde unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit und Erwar-tung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erstin dem fünften Akte, daß Zon der Sohn der Krcusa sey: soist es für ihn nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind,den sie in dem dritten Akte aus dem Wege räumen will; soist es für ihn nicht die Mutter des Zon, an welcher sich Zonin dem vierten Akte rächen will, sondern blos die Mäuchclmör-dcrinn. Wo sollten aber alsdcnn Schrecken und Mitleid her-kommen? Die bloße Vermuthung, die sich etwa aus übcrcin-treffcndcn Umständcn hätte zichcn lassen, daß Zon und Krcusacinandcr wohl nähcr angchcn könnten, als sie meinen, würdedazu nicht hinreichend gewesen seyn. Diese Vermuthung mußtezur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer diese Gewißheitnur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war,daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu dankenhaben konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie