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Hambiirgischc Dramaturgie.
glaubte» sie cs der Bollkommcnhcit schon ganz nahe. Racine schienihnen die letzte Hand angelegt zu haben; und hierauf war garnicht mehr die Frage, (die cs zwar auch nie gewesen,) ob dertragische Dichter nicht noch pathetischer, noch rührender seynkönne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für un-möglich angenommen, und alle Bcciferung der nachfolgendenDichter mußte sich darauf einschränken, dem einen oder dem an-dern so ähnlich zu werden als möglich. Hundert Jahre haben siesich selbst, und zum Theil ihre Nachbarn mit, hintergangcn: nunkomme einer, und sage ihnen das, und höre, was sie antworten!
Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Scha-den gestiftet, und auf ihre tragischen Dichter den verderblichstenEinfluß gehabt hat. Denn Racine hat nur durch seine Musterverführt: Corneille aber, durch seine Muster und Lehren zugleich.
Diese letztem besonders, von der ganzen Nation (bis aufeinen oder zwey Pedanten, einen Hcdclin, einen Dacier, dieaber oft selbst nicht wußten, was sie wollten,) als Orakcl-sprüchc angenommen, von allen nachhcrigen Dichtern befolgt:haben, — ich getraue mich, cs Stück vor Stück zu beweisen, —nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug her-vorbringen können.
Die Regeln des Aristoteles, sind alle auf die höchste Wir-kung der Tragödie calculirt. Was macht aber Corneille damit?Er trägt sie falsch und schielend genug vor; und weil er siedoch noch viel zu strenge findet: so sucht er, bey einer nachder andern, lzuolPio moclvi-ation, yuolczuo favoralile intei-^rotation;entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine jede, —und warum? jiour n'vtro pas odl'iAvs llo cc»n«Iamner deaueou^,llo Poemes Wo nous avons rvusfir tur nos tlio.-ltres; UMnicht viele Gedichte verwerfen zu dürfen, die auf unsern Büh-nen Beyfall gefunden. Eine schöne Ursache!
Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige da-von habe ich schon berührt; ich muß sie aber, des Zusammen-hanges wcgcn, wicdcrum mitnchmcn.
t. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furchterregen. — Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beideszugleich ist eben nicht immer nöthig; wir sind auch mit einem