^___
Zweyter B.iiid. 3t>3
gleich die wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt,daß kein Volk in der Welt irgend eine Gabe dcö Geistes vor-züglich vor andern Völkern erhalten habe. Man sagt zwar:der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose. Aber wer hatdenn die Theilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die allesunter alle gleich vertheilet. Es giebt eben so viel witzige Eng-länder, als witzige Franzosen? und eben so viel tiefsinnigeFranzosen, als tiefsinnige Engländer: der Braß von dein Volkeaber ist keines von beiden. —
Was will ich denn? Ich will blos sagen, was die Fran-zosen gar wohl haben könnten, daß sie das noch nicht haben:die wahre Tragödie. Und warum noch nicht haben? — Dazuhätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kcnncn müssen,wenn er es hätte treffen wollcit.
Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon langegehabt zu haben glauben. Und in diesem Glauben werden sienun freylich durch etwas bestärkt, das sie vorzüglich vor alle»Völkern haben; aber es ist keine Gabe der Natur: durchihre Eitelkeit.
Es geht mit den Nationen, wie mit einzeln Menschen. —Gottsched (man wird leicht begreifen, wie ich eben hier aufdiesen falle,) galt in seiner Jugend für einen Dichter, weilman damals den Vcrsmachcr von dem Dichter noch nicht zuunterscheiden wußte. Philosophie und Eritik setzten nach und nachdiesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem Jahr-hunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichlcnund sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und demGeschmacke seines Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen:so hätte er vielleicht wirklich aus dem Vcrsmachcr ein Dichterwerden können. Aber da er sich schon so oft den größten Dich-ter hatte nennen hören, da ihn seine Eitelkeit überredet hatte,daß er es sey: so unterblieb jenes. Er konnte unmöglich er-langen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er ward,desto hartnäckiger uiid unvcrschämtcr ward er, sich in diesemträumerischen Besitze zu behaupten.
Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen.Kaum riß Corneille ihr Theater ein wenig aus der Barbarcy: so