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7 (1839)
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Hciinblirgische Dramaturgie-

selbst: Corneille aber setzt es in den Unwillen, den es gegenden Urheber desselben verursacht. Er sieht nicht, oder will nichtsehen, das jenes Gräßliche ganz etwas anders ist, als dieserUnwille; daß wenn auch dieser ganz wegfallt, jenes doch nochin seinem vollen Maaße vorhanden seyn kann: genug, daß vorserste mit diesem ljuicl pro Wo verschiedene von seinen Stückengercchtfcrtigct scheinen, die er so wenig wider die Regeln desAristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genugist, sich einzubilden, es habe dem Aristoteles blos an dergleichenStücken gefehlt, um seine Lehre darnach näher einzuschränken,und verschiedene Manieren daraus zu abstrahircn, wie demohngcachtct das Unglück des ganz rechtschaffenen Mannes eintragischer Gegenstand werden könne. IZn voiei, sagt er, clvuxou tro.s Min>it!,'(Z8, c>uo pout-ötro ^rittoto na provoir, psrcvyu'on n'on vo^olt pas cl'exomplos tur los tlioatres clo t'on tems.Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als vonihm selbst? Und welches sind jene zwey oder drey Manieren?Wir wollen geschwind sehen.Die erste, sagt er, ist, wennein sehr Tugendhafter durch einen sehr Lasterhaften verfolgtwird, der Gefahr aber entkömmt, und so, daß der Lasterhaftesich selbst darin» verstricket, wie es in der Rodogunc und imHcraklius geschiehet, wo es ganz unerträglich würde gewesenseyn, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune,und in dem andern Hcraklius, Pulchcria und Martian umge-kommen wären, Cleopatra lind Phokas aber triumphirct hät-tcn. Das Unglück der erstem erweckt ein Mitleid, welchesdurch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben, nichterstickt wird, weil man beständig hoft, daß sich irgend einglücklicher Zufall cräugnen werde, der sie nicht unterliegenlasse." Das mag Corneille sonst jemanden weiß machen, daßAristoteles diese Manier nicht gekannt habe! Er hat sie so wohlgekannt, daß er sie, wo nicht gänzlich verworfen, wenigstensmit ausdrücklichen Worten für angemessener der Komödie alsTragödie erklärt hat. Wie war cS möglich, daß Corneille diesesvergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihreSache zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde ge-hört diese Manier auch gar nicht zu dem vorhabenden Falle.