Zweyter Nand. 3K9
Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht unglücklich, sondernbefindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches garwohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlichzu seyn. — Nun, die zweyte Manier! „Auch kann es sich zu-tragen, sagt Corneille, daß ein sehr tugendhafter Mann ver-folgt wird, und auf Befehl eines andern umkömmt, der nicht„lasterhaft genug ist, unsern Unwillen allzusehr zu verdienen,„indem er in der Verfolgung, die er wider den Tugcndbaften„betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix„seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist cs nicht aus„wüthendem Eifer gegen die Christen, der ihn uns vcrabschcu-„ungswürdig machen würde, sondern blos aus kriechender„Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn in Gegenwart des„Scvcrus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in Sorgen„stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn,„und mißbilliget sein Verfahren, doch überwiegt dieser Unwille„nicht das Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden,„und verhindert auch nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung,„zum Schlüsse des Stücks, nicht völlig wieder mit den Zuhö-rern aussöhnen sollte." Tragische Stümper, denke ich, hat cSwohl zu allen Zeiten, und selbst in Athen gegeben. Warumsollte cs also dem Aristoteles an einem Stücke, von ähnlicherEinrichtung, gefehlt haben, um daraus eben so erleuchtet zuwerden, als Corneille? Possen! Die furchtsamen, schwankenunentschlossenen Charaktere, wie Fclir, sind in dergleichen Stückenein Fehler mehr, und machen sie noch oben darein ihrer Scitskalt und cckcl, ohne sie auf der andern Seite im geringstenweniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßlicheliegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken:sondern in dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trist;daß sie einmal so unverschuldet trift als das andere, ihre Ver-folger mögen böse oder schwach seyn; mögen mit oder ohneVorsatz ihnen so hart fallen. Der Gedanke ist an nnd für sichselbst gräßlich, daß es Menschen geben kann, die ohne alle ihrVerschulden unglücklich sind. Die Hcidcn hätten dicscn gräßli-chen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als mög-lich: und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Sckau-
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