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Hamburgische Dnim.iturgie.
spiclcn vergnügen, die ihn bestätige»? wir? die Religion undAcrnunft überzeuget haben sollte, daß er eben so unrichtig alsgotteslästerlich ist? — Das nehmliche würde sicherlich auch ge-gen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille nicht selbstnäher anzugeben, vergessen hätte.
6. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeiteines ganz Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessenUnglück weder Mitleid noch Furcht erregen könne, bringt Cor-neille seine Läuterungen bey. Mitleid zwar, gesteht er zu, könneer nicht erregen; aber Furcht allerdings. Denn ob sich schonkeiner von den Zuschauern der Laster desselben fähig glaube,und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht zu befürchtenhabe: so könne doch ein jeder irgend eine jenen Lastern ähnlicheUnvollkommcnhcit bey sich hegen, und durch die Furcht vor denzwar proportionirtcn, aber doch noch immer unglücklichen Fol-gen derselben, gegen sie auf seiner Hut zu seyn lernen. Dochdieses gründet sich auf den falschen Begriff, welchen Corneillevon der Furcht und von der Reinigung der in der Tragödiezu erweckenden Leidenschaften hatte, und widerspricht sich selbst.Denn ich habe schon gezeigt, daß die Erregung des Mitleidsvon der Erregung der Furcht unzertrennlich ist, und daß derBöscwicht, wenn cs möglich wäre, daß er unsere Furcht erregenkönne, auch nothwendig unser Mitleid erregen müßte. Da eraber dieses, wie Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kanncr auch jenes nicht, und bleibt gänzlich ungeschickt, die Absichtder Tragödie erreichen zu helfen. Za Aristoteles hält ihn hier-zu noch für ungeschickter, als den ganz tugendhaften Mann;denn cr will ausdrücklich, Falls man den Held aus der mitt-lern Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besserals schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar; ein Menschkann sehr gut seyn, und doch noch mehr als eine Schwachheithaben, mehr als einen Fehler begehen, wodurch cr sich in einunabschlichcs Unglück stürzet, das uns mit Mitleid und Wch-muth erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu seyn, weil cs dienatürliche Folge seines Fehlers ist. — Was Du Bos (°) von
l°) NvNvxian-z cr. l. Loct. XV.