Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
371
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Zweyter Band.

dem Gebrauche der lasterhaften Personen in der Tragödie sag»,ist das nicht, was Corneille will. Dn Bos will sie nur zuden Nebenrollen erlauben; blos zu Werkzeugen, die Hauptper-sonen weniger schuldig zu machen; blos zur Abstcchung. Corneilleaber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen lassen, sowie in der Rodogunc: und das ist es eigentlich, was mit derAbsicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Du Bos merketdabey auch sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternenBöscwichtcr keinen Eindruck auf uns mache. Kaum, sagt er, daßman den Tod des Narciß im Britanniens bemerkt. Aber alsosollte sich der Dichter, auch schon deswegen, ihrer so viel alsmöglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die Absicht derTragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße Hülfsmit-tel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern Per-sonen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stücknoch besser seyn würde, wenn es die nehmliche Wirkung ohnesie hätte. Ze simpler eine Maschine ist, je weniger Federn undRäder und Gewichte sie hat, desto vollkommener ist sie.

Drey und achtzigstes Scück.Den ILtcn Februar, 1768.C>. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlich-sten Eigenschaft, welche Aristoteles für die Sitten der tragischenPersonen fodert! Sie sollen gut seyn, die Sitten. Gut?sagt Corneille.Wenn gut hier so viel als tugendhaft heisst»soll: so wird es mit den meisten alten und neuen Tragödienübel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte, wenigstensmit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht be-stehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besondersist ihm für seine Cleopatra in der Rodogunc bange. Die Güte,welche Aristoteles fodert, will er also durchaus für keine mora-lische Güte gelten lassen; es muß eine andere Art von Güteseyn, die sich mit dem moralisch Bösen eben so wohl verträgt,als mit dein moralisch Guten. Gleichwohl incinct Aristotelesschlechterdings cinc moralische Güte: nur daß ihm tugendhaftePersonen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugend-hafte Sitten zeigen, nicht einerley sind. Kurz, Corneille vcr-

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