Zweyter Band.
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cincin Gesichtspunkte nehmen, ans welchem wir wollen. Thor-heit, bloß dnrch die unglücklichen Folgen von dem Elster ab-schrecken wollen, indem man die innere Häßlichkeit desselbenverbirgt! Die Folgen sind zufällig; und die Erfahrung lehrt,daß sie eben so oft glucklich als unglücklich fallen. Dieses be-zicht sich auf die Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneillesich dachte. Wie ich mir sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrthat, ist sie vollends nicht mit jenem trügerischen Glänze zu ver-binden. Die falsche Folie, die so dem Laster untergelegt wird,macht daß ich Vollkommenheiten erkenne, wo keine sind; macht,daß ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte. — Zwarhat schon Dacicr dieser Erklärung widersprochen, aber aus un-triftigcrn Gründen; und es fehlt nicht viel, daß die, welche ermit dem Pater Lc Bossu dafür annimmt, nicht eben so nach-teilig ist, wenigstens den poetischen Vollkommenheiten des Stückseben so nachthcilig werden kann. Er meinet nehmlich, „die„Sitten sollen gut seyn," heisst nichts mehr als, sie sollen gutausgedrückt seyn, olles 5oio»t dien manjuöos. Das ist aller-dings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle, allerAufmerksamkeit des dramatischen Dichters würdig ist. Aber wennes die französischen Muster nur nicht bewiesen, daß man „gutausdrücken" für stark ausdrücken genommen hätte. Manhat den Ausdruck überladen, man hat Druck auf Druck gesetzt,bis aus charaktcrisirtcn Personen, personisirtc Charaktere; auslasterhaften oder tugendhaften Menschen, hagere Gerippe vonLastern und Tugenden geworden sind. —
Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsenist, mag die Anwendung auf unsern Richard, selbst machen.
Vom Herzog Michel, welcher auf den Richard folgte, braucheich wohl nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nichtgespielt, und wer hat ihn nicht gesehen oder gelesen? Krügerhat indeß das wenigste Verdienst darum; denn er ist ganz auseiner Erzchlung in den Bremischen Beyträgen genommen. Dievielen guten satyrischcn Züge, die er enthält, gehören jenemDichter, so wie der ganze Verfolg der Fabel. Krügern gehörtnichts, als die dramatische Form. Doch hat wirklich nnscrcBühne an Krügern viel verloren. Er hatte Talent zum niedrig