Zweyter Band.
„dramatischen Gemählde von Sitten finden, weil es zugestan-den ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche Leben ab-bilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden„Leidenschaft so allgemein entworfen seyn, als es ihr Streit„mit den andern in der Natur nur immer zulassen will, damit„der vorzustellende Charakter sich desto kräftiger ausdrücke.
Drcy und neunzigstcs Scück.
Teil 2'.'fic>! Merz, 1768.
„Alles dieses läßt sich abermals aus der Mahlerey sehr„wohl erläutern. Zn charakteristischen Porträten, wie„wir diejenigen nennen können, welche eine Abbildung der„Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann von„wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer ab-„straktcn Zdcc losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zei-„gcn, wird dieses seyn, daß irgend eine Eigenschaft die herr-schende ist; diese druckt erstark, und durch solche Zeichen aus,„als sich in den Wirkungen der herrschenden Leidenschaft am„sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses gethan hat, so dür-„fcn wir, mich der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man„will, als ein Compliment gegen seine Kunst, gar wohl von„einem solchen Portraitc sagen, daß es uns nicht sowohl den„Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade so, wie die Alten„von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silainon„angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodo-„rus, als die Leidenschaft des Zornes vorstelle. (") Dieses aber„muß blos so verstanden werden, daß er die hauptsächlichen„Züge der vorgebildeten Leidenschaft gut ausgedrückt habe.„Denn im Ucbrigen behandelt er seinen Vorwnrf eben so, wie„er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die„mitvcrbundenen Eigenschaften nicht, und nimmt das all-gemeine Ebcnmaaß und Verhältniß, welches man an einer„menschlichen Figur erwartet, in Acht. Und das heißt denn„die Natur schildern, welche uns kein Beyspiel von einem„ Menschen giebt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft
(°) Xon Iioiuiilvm ox sie keeil, iracuinliüm, I>I!i>iu8 li/ir. Zt. s.