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7 (1839)
Entstehung
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Hambiirgische Dramaturgie.

Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht un- angezeigt lassen müssen. Man könnte sagen,daß philoso-phische Spekulationen die Begriffe eines Menschen eher ab-strakt und allgemein machen, als sie auf das Individuelleeinschränken müßten. Das letztere sey ein Mangel, welcheraus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die denMenschen zu betrachten vorkommen; und diesem Mangel seynicht allein dadurch abzuhelfen, daß man sich mit mehren,Zndividuis bekannt mache, als worinn die Kenntniß der Weltbestehe; sondern auch dadurch, daß man über die allgemeineNatur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten morali-schen Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher-chcr hätten ihren allgemeinen Begriff von der menschlichenNatur nicht anders als aus einer ausgebreiteten Erfahrung(es sey nun ihrer eignen, oder fremden) haben können, ohnewelche ihre Bücher sonst von keinem Werthe seyn würden."Die Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwä-gung der allgemeinen Natur des Menschen lernetder Philosoph, wie die Handlung beschaffen seyn muß, dieaus dem Uebcrgcwichtc gewisser Neigungen und Eigenschaftenentspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, wcl-chcs der beygelegte Charakter crfodert. Aber deutlich undzuvcrläßig zu wissen, wie weit und in welchem Grade vonStärke sich dieser oder jener Charakter, bey besondern Gclc-lcgenheitcn, wahrscheinlicher Weise äußern würde, das ist ein-

untcr dem Wie sie scvn sollten, die allgcmeiuc abstrakte Idee des Ge-schlechts, »ach welcher der Dichter seine Personen mchr» als nach ihre» in-dividuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich dabcveine Höhcrc moralischc Vollkommenheit, wie sie dcr Mcnsch zu errcichcn fähigsey, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese, sagt er, habe Sophokles seinen Personen gcwöl'nlichcr Weise beigelegt: Sonuvclo isokoii >ie renitr«sv» imiliMons i>»>fililvs, e» s»iv<li>t lou^ours Iiien plus yu'une IielleKslurv eloii c»pi»ile >Ie kiUre, que yu'vll« tniloil. Allein diese höheremoralischc Bollkommcnlicit grl'örct gcradc zu jcncm allgcmcincn Begrifft nicht;sie stcl'ct dcm Zndividuo zu, abcr nicht dcm (Zcschlcchlc; und dcr Dichter,der sie seine» Personen beylegt, schildert gerade umgekehrt, mehr in der Ma-nier des Curipides als des Sophokles . Die weitere Ausführung hicrvo» ver-dienet mrlir als eine Note.