Zweyter Band.
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ben? Was haben sie denn selbst erfunden? — Schlaue Köpfe!Wenn ihnen Beyspiele zu beurtheilen vorkommen, so wünschensie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurtheilen sollen, somöchten sie lieber Beyspiele haben. Anstatt von einer Lritik zubeweisen, daß sie falsch ist, beweisen sie, daß sie zu strenge ist;und glauben verthan zu haben! Anstatt ein Raisonncmcnt zuwiderlegen, merken sie an, daß Erfinden schwerer ist, als Rai-sonnircn; und glauben widerlegt zu haben!
Wer richtig raisonnirt, erfindet auch: und wer erfinden will,muß raisonnircn können. Nur die glauben, daß sich das einevon dem andern trennen lasse, die zu keinem von beiden auf-gelegt sind.
Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ichwill meinen Gang gehen, und mich unbekümmert lassen, wasdie Grillen am Wege schwirren. Auch ein Schritt aus demWege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel. Zhr Sommer istso leicht abgewartet!
Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, dieich bey Gelegenheit der ersten Vorstellung der Brüder des Hrn.Romanus, (') annoch über dieses Stück versprach! — Die vor-nehmsten derselben werden die Veränderungen betreffen, die erin der Fabel des Tcrenz machen zu müssen gcglaubct, um sieunsern Sitten näher zu bringen.
Was soll man überhaupt von der Nothwendigkeit dieserVeränderungen sagen? Wenn wir so wenig Anstoß finden,römische oder griechische Sitten in der Tragödie geschildert zusehen: warum nicht auch in der Komödie? Woher die Regel,wenn es anders eine Regel ist, die Scene der erstem in einentferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Scene der an-dern aber, in unsere Hcimath zu legen? Woher die Verbind-lichkeit, die wir dem Dichter aufbürden, in jener die Sittendesjenigen Volkes, unter dem er seine Handlung vorgehen läßt,so genau als möglich zu schildern; da wir in dieser nur unsereeigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen? „Dieses,sagt Pope an einem Orte, „scheinet dem ersten Ansehen nach
(°) Drey und siebzigstes Sluck. S. 327.