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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
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6 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.

fügigsten Differenzierungen zwischen Geld und Gebrauchsgut anzu-knüpfen. und man wird dann zu verfolgen haben, wie diese Unterschiedeallmählich zu schärferer Ausprägung gelangt sind.

§ 2. Die rationalistische Erklärung der Entstehung des Geldes.

Die ersten Denker, welche sich mit der Ergründung des Geld-wesens beschäftigten, haben sich die Aufgabe, die Entstehung desGeldes zu erklären, nicht allzuschwer gemacht. Sie hatten das Geldvor sich als eine fertige Einrichtung, welche gewisse auf der Handliegende Zwecke auf das beste erfüllte; die Erkenntnis der Zweck-mäfsigkeit des Geldes sahen sie ohne weiteres als das treibende Momentbei der Einführung des Geldes an: sie hielten das Geld für ein Er-zeugnis zweckbewufster menschlicher Willensthätigkeit. Das war dieZeit, in welcher die historische Erforschung weit zurückliegender Vor-gänge sich noch keiner systematischen Pflege erfreute, und in welcherman die mangelnde Kenntnis der positiven Vorgänge durch deduktiveKonstruktionen ersetzte. Alle zweckmäfsigen Einrichtungen des wirt-schaftlichen und politischen Zusammenlebens wurden damals auf schöpfe-rische Willensakte der Menschheit oder einzelner Völker zurückgeführt.Wie man die Entstehung des Staates daraus erklärte, dafs die einzelnenIndividuen, um dem Kampf aller gegen alle ein Ziel zu setzen, einenGesellschaftsvertrag" geschlossen hätten, ebenso erklärte man sich dieEntstehung des Geldes-daraus, dafs die Menschheit zur Erleichterungdes Tauschverkehrs auf Grund eines Übereinkommens ein allgemeinesTauschmittel geschaffen und dafs sie die Edelmetalle wegen ihrer ganzbesonderen Vorzüge für die hierbei in Betracht kommenden Funk-tionen zum allgemeinen Tauschmittel bestimmt habe.

Der Gedanke ist in der That sehr naheliegend, dafs die uns zweck-mäfsig erscheinenden Einrichtungen, die ihrer Natur nach Menschen-werk sein müssen, aus der Erkenntnis ihrer Zweckmäfsigkeit, herausmit bewufster Absicht geschaffen worden seien. Man ist geneigt, diezweckmäfsigen Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens, die nichtvon einem Einzelnen geschaffen, sondern aus dem Zusammenleben hervor-gegangen sind, ebenso zu betrachten, wie geistreiche Entdeckungenund Erfindungen eines einzelnen Kopfes. Die geschichtliche Forschunghat jedoch in dieser Beziehung aufklärend gewirkt und die sogenannterationalistische Auffassung der gesamten gesellschaftlichen Entwicklungwiderlegt; sie hat gezeigt, dafs der Geist der Gesamtheit anders ar-beitet als der Geist des Einzelnen, dafs das Zweckmäfsige im gesell-schaftlichen Leben namentlich auf den frühesten Stufen nichtimmer durch bewufste Willensakte, die auf einer klaren Erkenntnisberuhen, durchgeführt wird, sondern dafs es sich meist in einer un-bewußten Entwicklung unter dem Drang der täglichen Notwendig-