1. Kapitel. Die Entstellung des Geldes. §§ 2. 3.
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keiten des Lebens durchsetzt, ja dafs es oft erst die Verhältnisse schafftin welchen es in seiner vollen Zweckmäfsigkeit zu Tage tritt. Unsereganze Wirtschaftsverfassung beruht auf dem Geld, das Geld erscheintauf Grund unsrer Wirtschaftsverfassung so zweckmäfsig und notwendig,dafs man sich den Gebrauch des Geldes überhaupt nicht wegdenkenkann. Aber gerade deshalb mufs das Geld in gewissen Beziehungendas frühere gewesen sein, unsere Wirtschaftsverfassung erscheint invielen und wichtigen Beziehungen als das Produkt des Geldes, undes ist deshalb unzulässig, die Entstehung des Geldes aus seiner Zweck-mäfsigkeit für unsere heutige Wirtschaftsverfassung zu erklären.
§ 3. Die Ergebnisse der geschichtlichen Forschung über den Ursprung
des Geldes.
Bei der Beschränktheit des Materials über die frühesten Stufender wirtschaftlichen Entwicklung wird wohl niemals eine lückenloseFeststellung, die den gesamten Werdeprozefs des Geldes umfafst, mög-lich sein. Wir sind auf spärliche Überlieferungen und Notizen ange-wiesen, welche die Verhältnisse der grauen Vorzeit stellenweise be-leuchten; zum Vergleich und zur Prüfung können wir die Beobachtungenverwenden, die in neuerer Zeit bei Völkerschaften, die noch auf einerniederen Entwicklungsstufe stehen, gemacht worden sind. Aber sobeschränkt alles in allem das Material ist, so sind die Ergebnisse derbisherigen Forschungen immerhin ausreichend, um die wesentlichstenZüge der Entstehung des Geldes erkennen zu lassen.
Zwischen der Ausbildung des Geldes und der Entwicklung dergesamten Volkswirtschaft besteht eine so enge AVechselwirkung, dafsman zu den frühesten Anfängen des wirtschaftlichen Lebens zurück-gehen mufs, wenn man die ersten Ansätze zur Entstehung des Geldesfinden will.
In dem ganzen Werdeprozefs der Volkswirtschaft ist die Tendenzzu erkennen, dafs die einzelnen Individuen und einzelnen Gruppenimmer mehr zu einem durch komplizierte Beziehungen verbundenenGanzen zusammenwachsen. Die wirtschaftliche und die gesamte ge-sellschaftliche Entwicklung geht aus von der Isolierung und führt zumZusammenschlufs. Die Eigenproduktion, das Stadium, in welchemeinzelne kleine Gruppen, Familien und Stämme mit ihrer Arbeit aus-schliefslich das und alles das beschaffen, was sie zur Befriedigung deseigenen Bedarfs nötig haben, stellt die früheste Stufe der Wirtschaftdar. Gewisse Herrschafts- und Autoritätsverhältnisse, verkörpert indem Patriarchen oder Stammesältesten, waren hier sicherlich für eineganz primitive Regelung der Produktion und der Verteilung bestimmend,den einzelnen Familien oder Stammesmitgliedern wurde die von ihnenzu leistende Arbeit und ihr Anteil am Arbeitsertrag zugewiesen.