Druckschrift 
Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12 Erstes Bncli. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.

Stücke nach dem Augenmafs abbrach, scheint die Goldwage nach denneuesten metrologischen Forschungen die erste künstlich konstruierteWage gewesen zu sein, deren sich die Menschen bedienten. Das Ge-wicht wurde in Fruchtkörnern dargestellt. DasKarat", das als Ge-wichtseinheit für Gold lange Zeit in der ganzen Kulturwelt in Geltungwar, bei uns in Deutschland bis in die zweite Hälfte des 19. Jahr-hunderts hinein, ist arabischen Ursprungs und geht auf den Kern derJohannisbrotfrucht zurück. Neuerdings ist es glaubhaft gemacht worden,dafs auch das Gewicht, welches heute noch in England im Edelmetall-handel und in der Münze angewendet wird, das Troypfund, auf einerähnlichen Grundlage beruht, indem seine kleinste Unterteilung, dasGrän , von dem Gewicht des Gerstenkorns abgeleitet sein soll.

Am kompliziertesten und interessantesten gestaltete sich das Ab-schätzen des Wertes. Hierfür giebt es keinen konkreten und greif-baren Mafsstab, wie für Ausdehnung und Gewicht; denn die Wert-bildung ist ein subjektiver Vorgang, der Wert haftet nicht an den Dingenselbst, sondern die Bewertung der Dinge vollzieht sich in der mensch-lichen Seele. Allerdings hat der Wert in dieser Hinsicht eineDoppelstellung ( Simmel , Philosophie des Geldes). Die weitgehendeGleichartigkeit und Übereinstimmung der Anschauungen und derZweckmäfsigkeitsvorstellungen innerhalb einer und derselben mensch-lichen Gemeinschaft erzeugt gewisse Normen, die den subjektivenBewertungsprozefs in der Einzelseele mafsgebend beeinflussen; dieseNormen erscheinen, obwohl sie aus einer Summe gleichartiger sub-jektiver Vorgänge entstanden sind, als etwas aufserhalb der Einzel-seele Stehendes, als etwas im Beich der Dinge Gegebenes, kurz alsetwas Objektives. Der Tausch, bei welchem ein Gut gegen ein andereshingegeben wird, hat aufserordentlich viel dazu beigetragen, den Wertals etwas den Dingen Anhaftendes, der Einzelwillkür Entrücktes er-scheinen zu lassen, denn beim Tausch verkörpert sich der Wert deseinen Gegenstandes in dem andern Gegenstand, für den er hingegebenwird. Aber trotzdem dadurch der Wert aus der Menschenseele in dieAufsenwelt verlegt erscheint und sich als eine den Dingen anhaftendeEigenschaft darstellt, ist damit noch kein greifbarer Mafsstab für dieWertermittelung gegeben. Selbst der Begriff des Wertmessers, wiewir ihn heute in unsermGeld" verkörpert sehen, unterscheidet sichwesentlich von den Mafsen für Ausdehnung und Gewicht, die zurobjektiven Ermittelung von Ausdehnung und Gewicht und gleich-zeitig als gemeinschaftlicher Ausdruck für Ausdehnungs- und Gewichts-gröfsen dienen, während das Geld nur als gemeinsamer Wertausdruckfungiert, zu einer Wertermittelung jedoch nicht fähig ist. Aber auchder Begriff des Wertmessers in diesem beschränkten Sinn war derZeit, in welcher das Geld erst im Entstehen war, noch gänzlich fremd.