50 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
dem einzelnen Edelmetall eine grofse Anzahl selbständiger Münzsorten,nnd dadurch erfuhr die Einfachheit und Einheitlichkeit des Geldwesenseine schwere Beeinträchtigung.
.Diese Nachteile, die sich namentlich in Zeiten des Verfalls derStaatsgewalt empfindlich geltend machten, haben mitunter dazu geführt,dafs der Grofs verkehr, welcher das gemünzte Geld am leichtesten ent-behren kann, zur Benutzung des ungeprägten Edelmetalls als Zahlungs-mittel zurückkehrte. Das war z. B. der Fall in der letzten Zeit desrömischen Kaiserreichs*) und in norddeutschen Handelsstädten währenddes 12. und 13. Jahrhunderts. Auch die grofsen Girobanken, die in Italien ,Holland und Deutschland während des 16. und am Anfang des 17. Jahr-hunderts gegründet wurden, hatten mehr oder weniger ausgesprochenden Zweck, die beiden Nachteile des gemünzten Geldes zu vermeiden.Schon der Banco del Giro in Venedig hatte seine eigne einheitlicheund von den Verschlechterungen des umlaufenden Geldes unabhängigeBankowährung, ebenso die Amsterdamer Wechselbank, welchenur gegen Einzahlung einer bestimmten vollwichtigen Münzsorte Gut-schrift auf Girokonto leistete. Bei der Hamburger Girobank,welche den geschilderten Zweck am konsequentesten verfolgt hat, warseit 1770 die Grundlage der Bankowährung überhaupt kein geprägtesMünzstück mehr, sondern Feinsilber in Barren. Für die KölnischeMark Feinsilber wurden 27 3 /-i Mark Banko gut geschrieben. DasBuchgeld, dessen sich der Hamburger Handel bis zum Jahre 1872 be-diente, beruhte mithin auf ungeprägtem Silber.
Während es auf diese Weise den Grofskaufleuten einzelner Handels-städte gelang, für ihre besonderen Zwecke ein von den Übelständendes gemünzten Geldumlaufs freies Buchgeld zu schaffen, ist es derStaatsgewalt erst nach Jahrhunderten fruchtloser Versuche gelungen,dem geprägten Geld wieder die Einheitlichkeit und Wertbeständigkeitder ungeprägten Edelmetalle zu geben.
Die Schwierigkeiten, welche zu überwinden waren, beruhten, wieaus den Darlegungen der letzten beiden Paragraphen hervorgeht, teil-weise auf prägetechnischen Verhältnissen, teilweise auf absichtlichenMünz Verschlechterungen, teilweise auf der Deteriorierung der Münzenim Umlauf; und dazu kam schliefslich noch, was das gegenseitige Ver-hältnis von Silber- und Goldmünzen anlangt, die Veränderlichkeit desWertverhältnisses beider Edelmetalle, ein Faktor, der um so mehrhervortreten mufste, je mehr es gelang, über die zuerst genanntenSchwierigkeiten Herr zu werden.
Es ist hier nicht der Platz für eine eingehende Schilderung der
1) Zur Zeit Konstantins wurde im grofsen Verkehr nicht mehr nach Münzein-heiten, sondern nach Gold- und Silberpfunden gerechnet; sogar die öifentlichen Kassennahmen die officiellen Gold- und Silbermünzen nur nach dem Gewicht.