2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme. .§ 5.
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die Verwendung des einen Metalls mehr als die des andern begünstigte,und schliefslich durch Änderungen der Ordnung des Münzwesens,welche ihrerseits wieder durch den Wechsel der wirtschaftlichen Be-dürfnisse veranlafst waren, hervorgerufen worden sind.
Vorläufig handelt es sich für uns nur darum festzustellen, dafseine längere Zeit andauernde Beständigkeit des Wertverhältnisses beiderMetalle — abgesehen vielleicht von der babylonischen Vorzeit, überwelche wir nichts Genaueres wissen — niemals bestanden hat. Darausergiebt sich, wie ungemein schwierig die Aufgabe war, aus den beidenEdelmetallen ein in sich geschlossenes Geldsystem herzustellen, zu be-wirken, dafs — trotz aller Wertschwankungen zwischen Gold undSilber — Gold- und Silbermünzen in einem unverrückbar festen Wert-verhältnisse zueinander stehen, dafs z. B. 10 silberne Einmarkstückestets genau ebensoviel wert sind, wie ein goldnes Zehnmarkstück. Dafsdie Lösung dieser Aufgabe gelungen ist, sogar in einer Zeit, welchedie stärksten Verschiebungen im Wertverhältnis der beiden Edelmetalleaufweist, sehen wir an den gegenwärtigen Münzverhältnissen derwichtigsten Kulturländer. Auf welchem Wege die Lösung gelungen ist,soll in den folgenden Ausführungen dargestellt werden.
§ 5. Doppelwährung und Parallelwährung.
Es ist viel leichter, rückwärts schauend die Entwicklung vonJahrhunderten zu überblicken und zu erkennen, nur auf diesem be-stimmten Wege konnte die oder jene Aufgabe gelöst werden, als imgegebenen Augenblicke sich über die zum gewollten Ziele führendenWege klar zu werden. Oft ist die Menschheit Jahrhunderte lang inder Irre gegangen und hat sich auf falscher Fährte nach der Lösungeines Problems abgemüht, ohne sich über die Unmöglichkeit, auf demeingeschlagenen Wege zum Ziel zu kommen, Rechenschaft zu geben; oftsind grofse Umwälzungen und Fortschritte nicht aus der klaren Er-kenntnis des neuen besseren Zustandes hervorgegangen, sondern ausunklaren und tastenden Versuchen, auf die eine oder andere Weise dievorhandenen Übelstände zu beseitigen.
So verhielt es sich auch bei dem Problem, das uns hier beschäftigt.
Von allem Anfang an versuchten die Staaten, nicht nur zwischenSilbermünzeu unter sich und Goldmünzen unter sich, sondern auchzwischen diesen beiden Kategorien untereinander ein festes Wertver-hältnis herzustellen, ohne sich der aus den Schwankungen des Wert-verhältnisses zwischen den Rohmetallen hervorgehenden Schwierigkeitenvöllig bewufst zu werden. Die Staatsgewalt machte sich die Aufgabeso leicht wie möglich, indem sie einfach vorschrieb, eine bestimmteSumme von Silbermünzen solle ebensoviel gelten, wie eine bestimmteSumme von Goldmünzen.