2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme. § 8.
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Entwicklung des Geldwesens in verschiedenen Fällen vorgekommen,dafs die Ausprägung von Silber, das die Grundlage der Währung dar-stellte, eingeschränkt oder gänzlich gesperrt worden ist, ohne dafsgleichzeitig Goldmünzen eingeführt, deren Prägung freigegeben unddie Silbermünzen in den Goldmünzen tarifiert worden wären. In diesenFällen trat, wie wir an den einzelnen Beispielen sehen werden, dasUmgekehrte ein. wie bei der Einstellung der Einlösung von Banknotenund Papiergeld. Wenn die Einlösung von Papiergeld, das gesetzlichenKurs erhält, verfügt wird, ist die Möglichkeit gegeben, dafs der Wertdes Landesgeldes unter das der Rechnungseinheit ursprünglich zu Grundegelegte Metalläquivalent herabsinkt, weil man keinen Anspruch undkeine Sicherheit mehr hat, für das Papiergeld den gleichen Nennwertin vollwertigem Metallgelde zu erhalten. Wenn dagegen die Prägungdes ursprünglichen Währungsmetalls eingestellt wird, dann ist dieMöglichkeit gegeben, dafs sich der Wert des Landesgeldes über dasder Rechnungseinheit ursprünglich zu Grunde gelegte Metalläquivalenterhebt, weil kein Anspruch und keine Sicherheit mehr besteht, gegendas ungeprägte Metall das gleiche Gewicht (ev. nach Abzug der gering-fügigen Prägekosten) in geprägtem Gelde zu erhalten.
Zum erstenmal trat diese Möglichkeit in bemerkenswerter undvielbemerkter Weise ein, als die Niederlande im Mai 1873 die freieSilberprägung einstellten, ohne für die Reform ihres Geldwesens irgendeinen weiteren Schritt zu thun. Damit war die bisher bestehende festeBeziehung zwischen dem Silberwerte und dem Werte des niederländischenGeldes durchbrochen; der Wert des geprägten holländischen Silber-geldes vermochte über seinen Silberwert hinaus zu steigen, denn dieNachfrage nach niederländischen Zahlungsmitteln konnte nun nichtmehr durch die Ausprägung von Barrensilber befriedigt werden. Einesolche Steigerung trat in der That in dem Mafse ein, dafs, währenddas Silber im Verhältnis zum Gold eine Entwertung erfuhr, das ge-prägte holländische Silbergeld gegenüber dem Goldgelde der Gold-währungsländer eine beträchtliche Wertsteigerung aufwies. Währendbis zum Anfang des Jahres 1875 der Silberpreis in London bis aufetwa 57 ] /2 d hinabging, stieg der Wert des niederländischen gegen-über dem des englischen Geldes soweit, dafs 1 Pfd. Sterl. statt — wiefrüher — 12 Gulden nur noch 11,6 Gulden notierte. Darin kam dieThatsache in Erscheinung, dafs der Wert des holländischen Guldensum etwa 10 Prozent über seinen Silbergehalt hinaus gestiegen war; derWert des holländischen Geldes hatte sich über sein ursprünglichesSilberäquivalent hinaus merklich erhöht. Der Wert des Silbers warnur noch eine untere Grenze für den Wert des holländischen Geldes,der holländische Gulden konnte nicht unter seinen Silbergehalt herab-gehen, aber nach oben hin konnte er unbegrenzt steigen.