120 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung- der Edelmetallverhältnisse.
ausübte, nachdem sich die jährliche Neuproduktion allmählich zu grofsenMassen aufgestaut hatte, soll bei der Erklärung des ungewöhnlichenRückgangs des Silberwertes nicht ganz von der Hand gewiesen werden.Gänzlich abzulehnen sind dagegen die Versuche, den Umschwung inder Wertrelation aus den Einflüssen der staatlichen Münzgesetzgebungdaraus zu erklären, dafs in der in Frage stehenden Periode die Gold-münzen in staatlichen Verordnungen gegenüber den Silbermünzen fort-gesetzt höher tarifiert worden seien. Der ursächliche Zusammenhangist vielmehr der umgekehrte. Jeder Kenner der damaligen monetärenVerhältnisse weifs, dafs in jener Zeit die staatlichen Tarifierungen vonGold- und Silbermünzen nicht nur auf das Wertverhältnis der unge-prägten Metalle ohne Einflufs waren, sondern dafs sie nicht einmalden Wert der geprägten Münzen zu fixieren vermochten. Die Münzenwaren vielmehr der schwankenden Bewertung des freien Verkehrsunterworfen, und die häufigen Änderungen der offiziellen Tarifierungender Münzen wurden dadurch hervorgerufen, dafs die offizielle Bewer-tung nicht mehr im Einklang mit der thatsächlichen Bewertung stand.Weit entfernt, die Ursache der veränderten Bewertung der beidenMetalle im freien Verkehr zu sein, waren mithin die Veränderungender gesetzlichen Tarifierung damals die Wirkung des verändertenMarktwertes der Edelmetalle.
Während in dem Jahrhundert 1620 bis 1720 die Wirkung derProduktionsverhältnisse auf das Wertverhältnis beträchtlich überbotenwurde durch Verschiebungen in der monetären Nachfrage nach Goldund Silber, übte in den folgenden Jahrzehnten die reiche GoldausbeuteBrasiliens einen sichtbaren Einflufs aus. Die Wertrelation begann eineVeränderung zu Ungunsten des Goldes zu zeigen. Während sie in demJahrzehnt 1701 bis-1710 durchschnittlich 1:15,27 gewesen war, stelltesie sich 1751 bis 1760 auf 1:14,56. Aufser der ungewöhnlichen Stei-gerung der Goldgewinnung mag zu dieser Veränderung der Umstandbeigetragen haben, dafs der sich immer mehr entwickelnde Verkehrmit Indien fortgesetzt grofse Mengen von Silber absorbierte.
Abgesehen von der Einwirkung auf das Wertverhältnis, die sichbald als vorübergehend herausstellte, hatte die grofse Steigerung derGoldproduktion die dauernde Folge, dafs in dem Lande, das immer mehrdie Führung in der wirtschaftlichen Entwicklung übernahm, nämlichin England, der vorwiegende Gebrauch des Goldgeldes sich einbürgerte.Schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Gold in der englischenCirkulation gegenüber dem Silber erheblich an Boden gewonnen. Be-günstigt worden war diese Entwicklung, wie oben in anderm Zu-sammenhange dargelegt wurde, durch den schlechten Zustand des Silber-geldes und nach der Silbermünzreform von 1695 durch das Verhaltender öffentlichen Kassen, welche die Goldmünze, die Guinea, zu einem