138 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung- der Edelmetallverhältnisse.
Wie sehr um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem europäischenKontinent der Boden für das Goldgeld durch die allgemeine wirtschaft-liche Entwicklung vorbereitet war, zeigt sich daran, dafs nicht nur inFrankreich , wo das Gold auf Grund der Doppelwährung ohne weiteresEingang fand, sich eine umfangreiche Goldcirkulation bildete, sondernauch in Ländern, deren Münzverfassung formell für das Gold keinen.Raum hatte.
Zunächst drangen die neuen französischen Goldmünzen in den-jenigen Ländern ein, welche das Frankensystem auf der Basis der reinenSilberwährung angenommen hatten, in Belgien, der Schweiz und Italien .Überall befreundete sich der Verkehr sofort mit dem Golde, und, weitentfernt Mafsregeln gegen das Goldgeld zu verlangen, das die nationaleGeldverfassung bedrohte, verlangte und erreichte die öffentliche Meinungüberall seine gesetzliche Zulassung. Auch in Deutschland nahm derUmlauf ausländischer Goldmünzen, namentlich französischer Zwanzig-frankenstücke, in jener Zeit stark überhand, unbeschadet der im WienerMünzvertrag von 1857 feierlich proklamierten Silberwährung.
Diese Gegenwirkungen gegen die starke Vermehrung der Gold-gewinnung wurden in der ersten Zeit nach den kalifornischen Gold-funden vielfach übersehen. Obwohl der Verkehr überall das neue Goldbereitwillig aufnahm, fehlte es nicht an Leuten, welche diese Um-wälzung mit grofsen Bedenken ansahen. Der französische National-ökonom Michel Chevalier prophezeihte eine beträchtliche Entwertungdes Goldes als unausbleibliche Folge der Goldfunde und riet, das in seinemWerte bedrohte Metall als Geldstoff abzuschaffen und zur reinen Silber-währung überzugehen. Ähnliche Stimmen liefsen sich selbst in Eng-land vernehmen. Nur wenige erkannten bereits damals, dafs die ver-mehrte Goldgewinnung zu einer stärkeren Verwendung des Goldes alsdes tauglicheren und dem modernen Verkehr besser entsprechendenGeldstoffes führen und dadurch von selbst jeder starken Entwertungentgegenwirken werde. Der erste, welcher diese Ansicht vertrat, be-reits in den fünfziger Jahren, war der Deutsche Adole Soetbeer.
Der Gang der Dinge hat Soetbeers Auffassung bestätigt. Niemanddachte im Ernst daran, dem eindringenden Golde in ähnlicher Weisedie Thür zu schliefsen, wie England am Ende des 18. Jahrhundertsdem Silber. Allgemein wurde der Goldumlauf gegenüber dem schwerenund unbequemen Silbergeide als eine Wohltat empfunden, und in dieserThatsache , nicht in dem formalen Mechanismus der französischenDoppelwährung ist der tiefere Grund dafür zu erblicken, dafs derWert von Gold und Silber unter dem Einflufs der veränderten Pro-duktionsverhältnisse nicht weiter auseinanderging.
Im Verhältnis zu den übrigen Gütern hat allerdings das Gold in-folge der gewaltigen Produktionssteigerung eine gewisse Entwertung