148 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung- der Edelmetall Verhältnisse.
Noch schlimmer als diese Vielheit von Münzsystemen war dasChaos des wirklichen Münzumlaufes. Bei der Einführung eines neuenPrägesystems war meist nicht darauf Bedacht genommen worden, dieumlaufenden Stücke des alten Münzfufses zu beseitigen, und so hattendie deutschen Münzsysteme von anderthalb Jahrhunderten im deutschenMünzumlauf ihre Niederschläge hinterlassen. Dazu kamen das Papier-geld von 21 deutschen Staaten und die Noten von 31 deutschen Banken,aufserdem eine Fülle ausländischen Metall- und Papiergeldes.
Am schlimmsten lagen in dieser Beziehung die Verhältnisse inSüdwestdeutschland . Die dort herrschende Münzverwirrung kann kaumdrastischer dargestellt werden als durch ein Dokument, das LudwigBamberger gelegentlich einer Rede über die Notwendigkeit der deutscheuMünzeinigung am 5. Mai 1870 dem Zollparlament vorlegte. Er sagte:
„Ich habe hier ein sogenanntes Borderau, d. h. die specifizierte Auf-stellung von Geldsorten, womit ein Handeltreibender eine seinem Bankierüberschickte Sendung begleitet. Das Borderau, welches ich Ihnen hiervorzeige, lautet über 15834 Gulden und datiert vom 19. Dezember 1869;ich habe es mir aus den Briefen eines Bankhauses herausgenommen.Es enthält also die Münzen, aus denen diese 15 834 Gulden zusammen-gesetzt waren, und damit Sie verstehen, welche Bedeutung das hat,mufs ich sagen: die Sendung kam aus einem kleinen Landstädtchen derProvinz Rheinhessen. Es ist dies eine kleine Stadt von 3—4000 Seelenmit einem einzigen Gasthaus, welches nicht etwa die Fremden derMerkwürdigkeit wegen besuchen; es ist eine Zahlung, hervorgegangenaus Pacht- und Kaufzielen der Bauern, aus verkauftem Weizen, Gerste,Hülsenfrüchten und dergleichen Abtragungen, die aus den einzelnenumliegenden Dörfern in diese kleine Landstadt gebracht und durchVermittlung eines Handeltreibenden einkassiert werden. Was aus denTaschen der Bauern zusammengeflossen ist, ist folgendes: die Summevon 15 834 Gulden bestand ausDoppelthalern, Kronenthalern, 2 '/i-Gulden-stücken, 2-Guldenstücken, 1-Guldenstücken, ^-Guldenstiicken, '/s-, '/c-,Vi2-Reichsthalern, 5-Franken-, 2-Franken-, 1-Frankenstücken; dannkommt das Gold: Pistolen, doppelte und einfache Friedrichsdor, V2-S0-vereigns, russische Imperialen, Dollars, Napoleons, holländische Wilhelms-dor, österreichische und württenbergische Dukaten, hessische 10-Gulden-stücke und schliefslich noch ein Stück dänisches Gold."
Auf diesem Gebiete der Einheitlichkeit des Münzsystems und derOrdnung der Cirkulationsmittel that Abhilfe am frühesten und amdringendsten not, und hier setzten von Anfang an die Reformbestrebungenein. Aber so grofs auch die Einigkeit in der Anerkennung diesesMifsstandes war, so gering war die Einigkeit im Zusammenwirken zueiner durchgreifenden Reform. Die einzelnen deutschen Staaten undFürsten wachten ängstlich über ihre Souveränität, und gerade das