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mit Energie und Geschick ausgenutzt Die im Jahre 1870 beschlosseneEnquete unterblieb, da die Reichsregierung jetzt die Zeit für zu kostbarund die Münzfrage für hinreichend geklärt hielt, als dafs noch einezeitraubende Enquete am Platze gewesen wäre. Nach der jahrelangenöffentlichen Diskussion über die Münzreform war die Enquete in derThat überflüssig, und die fast gleichlautenden Beschlüsse einer freienKommission von Reichstagsmitgliedern, die im Juni 1871 zusammentrat,und des im August 1871 zu Lübeck tagenden Volkswirtschaftlichen Kon-gresses konnten mit Recht als der Ausdruck der nahezu einmütigen öffent-lichen Meinung erscheinen. Diese Beschlüsse verlangten die Einführungeines einheitlichen, sich von der Thalerwährung ableitenden Münz-systems mit decimaler Einteilung und auf Grundlage der Goldwährung.
§ 4. Die Einstellung der preußischen Silberprägungen.
Noch ehe die Gesetzgebung des neuen Reichs Gelegenheit hatte,sich mit der Münzfrage zu befassen, geschah seitens der preufsischenRegierung ein währungspolitisch höchst bedeutsamer Schritt. Durchdie französische Kontribution wurde auf dem gesamten internationalenGeldmarkte eine starke Nachfrage nach Zahlungsmitteln für Deutsch-land hervorgerufen, und im Hinblick auf die an die Reichsregierungzu leistenden Zahlungen wurden grofse Beträge von Silber nach Deutsch-land geschickt und bei den deutschen Münzstätten zur Ausprägungeingeliefert. Die deutschen Staaten hatten zwar Silberwährung, aberdas freie Prägerecht für Silber war gesetzlich nicht festgelegt; freieSilberprägung bestand vielmehr nur thatsächlich und zwar in derForm, dafs die deutschen Münzstätten das ihnen angebotene Silber zueinem öffentlich bekannt gemachten, wenig hinter dem Ausmünzungs-werte zurückbleibenden und innerhalb enger Grenzen veränderlichenPreise ankauften. Im zweiten Quartal des Jahres 1871 exportierte nunEngland allein für nahezu 2 Mill. Pfd. Sterl. Silber nach Deutschland ,und den deutschen Münzstätten wurden trotz der Herabsetzung ihresAnkaufspreises, die einer Erhöhung ihrer Prägegebühr gleichkam, fort-gesetzt grofse Mengen von Silber zur Ausprägung gebracht. Der starkeSilberzuflufs in jener Zeit erklärt sich daraus, dafs Deutschland durchdie von Frankreich zu zahlende Kriegskostenentschädigung gewisser-mafsen Gläubiger der ganzen Welt geworden war. Auf allen Märktenwurden für französische Rechnung Zahlungsmittel für Deutschland gesucht. Namentlich die Londoner Banken stellten Wechsel aufDeutschland zur Verfügung und suchten für deren Deckung durch dieVersendung von Edelmetall nach Deutschland zu sorgen. Da Deutsch-land damals noch Silberwährung hatte, kam als Edelmetallrimesseganz vorwiegend das Silber in Betracht, das ohnedies in jener Zeit —infolge der Zunahme der Produktion und infolge des Nachlassens des