3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. § 2.
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der zur Befriedigung des eignen Bedarfs dienenden Güter unmittelbarangewiesen war.
Erst das Geld als allgemeines Tausclimittel hat diese Bindungvollkommen gelöst; es hat durch die Zerlegung des einheitlichenTausches in einen Verkaufs- und einen Kaufvorgang, durch diese schein-bare Komplikation, den wirtschaftlichen Verkehr zwischen den einzelnenGliedern der Volkswirtschaft ganz aufserordentlich vereinfacht underleichtert, indem es das wirtschaftende Individium in stand setzte,die benötigten Bedarfsgüter von andern als den Abnehmern der eignenErzeugnisse zu beziehen. Wenn in dem oben erwähnten Falle derNagelschmied Brot braucht, dann ist er, sobald in dem Gelde ein all-gemeines Tauschmittel vorhanden ist, nicht mehr auf die Bäcker, alsdie Erzeuger von Brot, als Abnehmer für seine Nägel angewiesen;er kann diese vielmehr an irgend eine beliebige Person verkaufen,die im stände ist, ihm den Gegenwert in dem allgemeinen Tausch-mittel zu erstatten; derjenige, der sich eines kostbaren Steines gegenandere Dinge entäufsern will, ist nicht genötigt, den ganzen Gegenwertin den Erzeugnissen seines Abnehmers in einem den eigenen Bedarf weitüberschreitenden Umfange anzunehmen; er kann vielmehr mit dem Gelde,das er erlöst, tausenderlei verschiedenartige Dinge von tausend verschie-denen Personen erwerben; er kann ferner das erlöste Geld zu Zahlungenirgendwelcher Art und zur Gewährung von Darlehn verwenden.
Durch diese weitgehende Aufhebung der Bindung zwischen indivi-dueller Produktion und individuellem Bedarf wird der nötige Spiel-raum für eine zweckmäfsige Ausgestaltung des Produktionsprozessesgeschaffen. Die Bedeutung des Bedarfs für die Produktion wird aufdie ganz allgemeine Beziehung reduziert, dafs überhaupt innerhalbdes durch wirtschaftlichen Verkehr verbundenen Kreises ein ent-sprechender Bedarf für die zu produzierenden Güter vorhanden seinmufs; und dieser Kreis wird um so gröfser, mithin die Befreiung derProduktion von den Individualverhältnissen des Bedarfs um so wirk-samer, je dichter die Bevölkerung sich im Räume zusammendrängt,und je mehr durch Verbesserungen der Transportmittel der trennendeRaum überwunden wird. Das Geld hat die Produktion von denFesseln, in die ihre Entwicklung durch die Bindung an den indivi-duellen Bedarf geschlagen war, ebenso befreit, wie die Verbesserungder Transportmittel die Produktion von der Gebundenheit an denlokalen Bedarf befreit hat. Wie infolge der Erleichterung und Ver-billigung des Transports die Produktion in stand gesetzt wurde, injedem einzelnen ihrer mannigfaltigen Zweige die Orte der günstigstenProduktionsbedingungen aufzusuchen, wie dadurch eine gar nicht ab-zuschätzende Steigerung der Produktivität der Arbeit bewirkt wordenist, so hat es das Geld möglich gemacht, die Produktion in den einzelnen