Druckschrift 
Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
348
Einzelbild herunterladen
 

348

Zweites Buch. III. Abschnitt. Die Geldverfassung.

Gebrauch von Goldgeld gegeben. Wo ferner die durch Geld zu ver-mittelnden Beziehungen sich auf einen engen territorialen Kreis be-schränken, da wird man im allgemeinen den Gebrauch eines wenigerwertvollen Zahlungsmittels nicht in demselben Mafse lästig finden, alsdort, wo die Notwendigkeit zur Versendung von Geld über grofseEntfernungen hin vorliegt.

Aber weder die Gröfse der Umsätze, noch die räumliche Aus-dehnung der Beziehungen, die durch Geld zu vermitteln sind, befindensich in unmittelbarer Abhängigkeit von dem allgemeinen Stande derwirtschaftlichen Kultur. Was den ersteren Punkt anlangt, so kommtes, wie im geschichtlichen Teil an der Gestaltung der europäischenGeldverhältnisse nachgewiesen worden ist, für die verschiedenen Epochenund Länder sehr wesentlich darauf an, wie weit überhaupt die Pro-duktion für den Absatz und der Geldgebrauch die Eigenwirtschaft undden naturalen Tausch innerhalb der einzelnen Schichten der Volks-wirtschaft verdrängt haben. Man wird im allgemeinen das Vordringender Geldwirtschaft in immer tiefere Schichten des Wirtschaftslebensals ein Zeichen fortschreitender wirtschaftlicher Kultur ansehen können.Aber mit einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung braucht der Über-gang zu einem wertvolleren Geldstoff so wenig Hand in Hand zu gehen,dafs man vielmehr versucht sein könnte, eine umgekehrte Entwicklungs-tendenz zu behaupten. Es sei nur daran erinnert, dafs der gewaltigeFortschritt, den die Geldwirtschaft vom Ausgang des Mittelalters anin den europäischen Ländern machte, von dem in den letzten Jahr-hunderten des Mittelalters vorherrschenden Goldgebrauch zu einemÜberwiegen des Silbergeldes hinführte. Während der Grofsverkehr,bei welchem der Geldgebrauch naturgemäfs beginnt, bei seinen viel-leicht wenig zahlreichen, aber im Einzelfalle grofse Werte umfassendenUmsätzen von vornherein für die wertvollsten Geldstoffe Verwendunghat, können die breiten unteren Schichten der Volkswirtschaft, in denenes sich zwar um zahllose, aber im Einzelfall kleine Umsätze handelt,dem Geldgebrauch nur durch ein weniger wertvolles Geld erschlossenwerden; die Summe dieser kleinen Umsätze mag dann beträchtlichhöher sein, als die Summe der Umsätze des Grofsverkehrs, sodafs in-folge einer solchen Ausdehnung der Geldwirtschaft der weniger wert-volle Geldstoff an Stelle des wertvolleren die Vorherrschaft erlangt.

Auch die territoriale Ausdehnung der durch Geld zu vermittelndenBeziehungen kann von Bedingungen abhängen, welche nicht ohneweiteres durch den allgemeinen wirtschaftlichen Kulturstand gegebensind. In einem territorial ausgedehnten Staatswesen erfordert alleinschon der Dienst der Verwaltungs- und Heeresorganisation ein relativwertvolles Geld, und zwar um so dringender, je schlechter die Ver-kehrsverhältnisse sind. Die auswärtigen Verkehrsbeziehungen eines