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Zweites Buch. III. Abschnitt. Die Geldverfassimg.
kommen kann, dafs aber jedes unterwertige Geld die Gefahr in sichbirgt, in Zeiten politischer oder wirtschaftlicher Katastrophen aufseinen Materialwert zurückzusinken. Die hier vorliegende Gefahr istum so gröfser, je stärker die Unterwertigkeit ist, und je mehr derUmlauf unterwertigen Geldes den Verkehrsbedarf übersteigt. AufGrund dieser allgemein anerkannten Wahrheiten hat man namentlichaus der Gestaltung des deutschen Silberumlaufs bei der politisch expo-nierten Situation unsres Vaterlandes grofse Gefahren für einen Kriegs-fall herzuleiten gesucht.') Man hat die Perspektive vorgezeichnet,dafs beim Ausbruch politischer Krisen das Vertrauen der Bevölkerungin das unterwertige Silbergeld erschüttert werden könnte, dafs danndas Silbergeld zur Einlösung an die öffentlichen Kassen zurückströmenwürde, die bald diesen Anforderungen nicht mehr würden genügenkönnen; dann aber werde ein Agio auf Goldgeld entstehen und damitdie Goldwährung zusammenbrechen.
Auch diese Befürchtungen erscheinen, wenigstens soweit unsredeutschen Verhältnisse in Betracht kommen, übertrieben. Der Verkehrkann die Silbermünzen auch in kritischen Zeiten nicht entbehren,denn er kann unmöglich ohne Münzen unter dem goldenen Zehnmark-stück auskommen; niemand würde mehr, wenn er beim Ausbrucheines Krieges nichts besseres zu thun wüfste, als mit seinem Silber-geide zu den öffentlichen Kassen zu laufen, ein Pfund Fleisch oderBrot kaufen können. Gerade in kritischen Zeiten, wo erfahrungsgemäfsjedermann eine gröfsere Kasse für alle Eventualitäten zu halten sucht,wird der Bedarf des Verkehrs an Silbergeld eher steigen als fallen,die öffentlichen Kassen würden mithin wohl kaum in die in Aussichtgestellten Einlösungssclnvierigkeiten geraten.
Bedenklich wäre in solchen Zeiten weniger die Unterwertig-keit des Silbergeldes an sich, als ein Übermafs an unterwertigemSilbergeide; nur was der Verkehr nicht braucht, kann zur Einlösungzurückströmen. Bei uns in Deutschland liegen die Verhältnisse in dieserBeziehung folgendermafsen.
Infolge der vorzeitigen Einstellung der Silberverkäufe im Jahre1879 übersteigt der gesamte Bestand Deutschlands an Silbergeld aller-dings den normalen Verkehrsbedarf; der Überschufs ist zwar infolgeder Zunahme der Bevölkerung und der Besserung, der Lebenshaltungder unteren Klassen im Laufe der Jahre ein geringerer geworden,aber er ist noch nicht ganz verschwunden. Im freien Verkehr da-gegen befindet sich heute schon nicht mehr Silbergeld, als benötigtwird: der überschüssige Rest liegt in der Reichsbank. Er hat sich