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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
392
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Zweites Buch. III. Abschnitt. Die Geld Verfassung.

Silberbestand von mehr als 250 Millionen Mark kaum zu rechnensein würde, müfste mithin die Einstellung der Barzahlungen längsterfolgen, ehe die Reichsbank in die Lage käme, in Silber zahlen zumüssen.

Eine Gefährdung der deutschen Währung kann daher nicht durchdas noch vorhandene Übermafs von Silbergeld, sondern nur durch einim Kriegsfalle allerdings sehr mögliches Mifsverhältnis zwischen derNotenausgabe und dem gesamten Barbestande der Centraibank herauf-beschworen werden.

Wenn aber infolge einer Suspension der Barzahlungen der Reichs-bank eine Valutaentwertung eintreten sollte, so wage ich für diesenFall die zunächst vielleicht paradox klingende Behauptung, dafs esfür den gesamten Geldverkehr ein Glück ist, wenn die Silbermünzenunterwertig sind und sich infolgedessen im Gleichwert mit dem Papier-gelde gegenüber der ursprünglichen Goldparität der Valuta entwertenkönnen. Es ist eine bekannte Erfahrung, dafs uneinlösbares Papier-geld das vollwertige Geld, das ein Agio geniefst, aus dem Umlaufe ver-drängt; letzteres wird zurückgehalten in der Spekulation auf eine weitereSteigerung seines Aufgeldes, und es wird eingeschmolzen und exportiert.Wenn das kleine und mittlere Geld vollwertig ist, dann unterliegt esdenselben Gesetzen, wie zahlreiche Erfahrungen beweisen. Österreich, das vor 1848 Silberwährung und damit auch vollwertig ausgeprägtekleine Münzen hatte, verlor, als die Revolution den Zwangskurs unddie Uneinlösbarkeit seines Papiergeldes herbeiführte, sein kleines Geldin dem Mafse, dafs mit der Unmöglichkeit der Zahlungsleistung dergesamte Kleinverkehr in- die schwierigsten Verhältnisse kam. Nochim letzten Jahrzehnt hat Italien eine ähnliche Erfahrung gemacht.Sein Silbergeld ist zwar nicht vollwertig, aber es wurde auf Grunddes Lateinischen Münzvertrages an den Kassen Frankreichs, derSchweiz und Belgiens zu seinem Goldnennwerte in Zahlung genommen;es erhielt sich infolgedessen auf seinem Goldwerte, auch als zu Beginnder 90 er Jahre ein Rückgang der italienischen Valuta eintrat. DieFolge war, dafs es in grofsen Massen nach den übrigen Frankenländernabflofs, wo es mehr galt, als seinem Nennwerte in italienischem Papier-geld entsprach. Wer damals, etwa im Jahre 1893, in Italien reiste,dem wird die daraus entstandene grenzenlose Verwirrung stets imGedächtnis bleiben. Aufser den Banknoten, deren kleinste auf 50 Lirelautete, war fast nur noch Kupfergeld im Verkehr, sodafs sich derStaat genötigt sah, kleine Papierscheine zu 1, 2, 5, 10 und 25 Lireauszugeben. Um sein Silbergeld wieder zu bekommen, mufste Italien die übrigen Miinzbundstaaten ersuchen, das italienische Silber von derAnnahme au ihren Kassen auszuschliefsen und ihm dadurch die Ga-rantie der Vollwertigkeit zu entziehen. Erst nachdem das italienische