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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
427
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Der zweite Fehler der herrschenden Theorie liege in dem BegriffederUmlaufsgeschwindigkeit" des Geldes. Die Analogie mit der Fahr-geschwindigkeit eines Schiffes sei falsch, da es sich bei dem Besitz-wechsel des Geldes nicht um einen mechanischen Vorgang handle, derwie beim Schiff wesentlich von der technischen Beschaffenheit dessich bewegenden Gegenstandes abhänge; die sogenannte Umlaufs-geschwindigkeit des Geldes hänge vielmehr einzig und allein vonUmständen ab, die ganz aufserhalb des Geldes lägen, oder denen gegen-über das Geld eine vollkommen passive Bolle spiele. Infolgedessen be-sage die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes garnichts über die eigent-lichen Bestimmungsgründe des Geldbedarfs, und der Satz, dafs dieEffektuierung einer gegebenen Summe von Zahlungen eines gegebenenZeitraumes um so weniger Geld in Anspruch nehme, je mehr vondiesen Zahlungen mit Hilfe eines und desselben Geldstückes vollbrachtwerden können, bedeute nicht mehr, als dafs zwei mal zwei vier sei.Die ganze Theorie von der Bestimmung des Geldbedarfs durch dieUmlaufsgeschwindigkeit des Geldes sei mithin ein durchaus leerer undnichtssagender Formalismus. Aufserdem sei es rein unmöglich, diemittlere Cirkulationsgeschwindigkeit" des Geldes in einem Lande auchnur annähernd zu schätzen, gesclnveige denn zu messen. Die ganzeTheorie bleibe etwas vollkommen Unfruchtbares.

Hildebrand wollte in seiner Kritik der Theorie nicht ebensounfruchtbar bleiben, wie die Theorie selbst; er suchte deshalb aufeinem neuen Wege zur Bestimmung des Geldbedarfs zu kommen. Dereinzuschlagende Weg besteht nach seiner Auffassung darin, dafs mannicht die einzelnen Geldstücke,' sondern den Zahlungsprozefs selbstins Auge fafst, und dafs man ferner bei der Fragestellung nicht gleichauf einen ganzen Zeitraum, sondern zunächst nur auf einen be-stimmten Zeitpunkt Bezug nimmt; auf diese Weise bestimme sichder Geldbedarfganz einfach nach dem Gesamtbetrage der in dembetreffenden Lande in einem gegebenen Augenblicke, d. h. gleich-zeitig, auszuführenden Zahlungen, oder aber, insofern es sich darumhandelt, den Maximalbedarf an Geld innerhalb eines ganzen Zeitraums,z. B. eines Jahres, festzustellen, nach dem höchsten Gesamtbetrage,den die gleichzeitig auszuführenden Zahlungen innerhalb dieses Zeit-raumes daselbst erreichen können". Dabei macht Hildebkand aberdie Einschränkung, es sei bei dieser seiner Theorie stillschweigendvorausgesetzt, dafs alle Zahlungsverbindlichkeiten in bar zu begleichenseien, während in Wirklichkeit gerade bei der Konzentration der Zah-lungen auf bestimmte Zeitpunkte und Plätze oder Institute an Stelleder baren Begleichung eine umfangreiche Kompensation der Zahlungs-verbindlichkeiten stattfinden könne, wodurch der Geldbedarf ent-sprechend verringert werde.

10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 1.