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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
428
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§ 2. Die wirklichen Bestimmungsgründe des Geldbedarfs.

Eine genauere Betrachtung sowohl der sogenanntenherrschendenTheorie" als auch der Einwendungen Mengees und Hildebeands , dieich hier als besonders charakteristisch angeführt habe, ergiebt folgendes.

Als der erste und grundlegende Faktor für die Gröfse des Geld-bedarfs einer Volkswirtschaft ist der Umfang der durch Geld zu ver-mittelnden Übertragungen anzusehen, und zwar sowohl der ein-seitigen als auch der doppelseitigen Übertragungen, also sowohl derTauschvorgänge als auch der Zahlungen im engeren Sinne und dersich in Geld vollziehenden Kapitalübertragungen.

Fraglich kann erscheinen, ob das Geld auch in seinen übrigenFunktionen Gegenstand eines bestimmten und bestimmbaren Bedarfsist. In seiner Funktion als Wertmafsstab ist das Geld offenbar keinGegenstand eines bestimmten Bedarfs; um den Wert eines Gutes inGeld auszudrücken, mufs zwar das Geld überhaupt als eine bestimmteWertgröfse existieren, aber es ist für diesen Zweck gänzlich gleich-gültig, in welcher Menge es existiert.

Schwieriger ist die Frage, in wieweit nach dem Gelde als Wert-träger durch Zeit und Kaum ein bestimmter Bedarf besteht. Dieselbständige Funktion des Geldes als Werttransportmittel ist, wie im1. Kapitel des theoretischen Teils dargestellt worden ist, von sogeringer Bedeutung, dafs sie hier füglich aufser Acht gelassen werdenkann; wirklich in Frage kommt nur der Bedarf an Geld zu Thesau-rierungszwecken. Wenn man nun, dem Hinweis Mengees folgend,die kleinen und grofsen Geldbestände, die in einer Volkswirtschaftvon den privaten Haushaltungen und Unternehmungen, von den Bank-instituten und den Staaten selbst angesammelt und unterhalten werden,näher ins Auge fafst, dann drängt sich von selbst die Unterscheidungauf zwischen Geldbeständen, die gänzlich miifsig und unausgenutztdaliegen, wie etwa die altenHorte" oder die Thaler im Strumpfe desBauern auf der einen Seite, und andrerseits den Kassenvorräten derEinzelwirtschaften, die zu dem unmittelbaren und ausschliefslichenZweck der Zahlungsleistung und Zahlungsbereitschaft gehaltenwerden oder auf denen sich, wie auf den Barbeständen der grofsenBanken, gewisse Einrichtungen aufbauen, deren Zweck und letzteWirkung eine intensivere Ausnutzung des Geldes zur Vermittelung vonÜbertragungen jeder Art ist, Zwecke, die bei der Thesaurierungim strengsten Sinne, bei welcher das Geld nicht als Zahlungsmittel,sondern einfach nur als Träger von Vermögenswert aufbewahrt wird,nicht mitspielen. Der Unterschied in Bezug auf den Umfang des Geld-bedarfs tritt darin in Erscheinung, dafs ein irgendwie zu bestimmenderBedarf an Geld zur reinen Vermögensansammlung ohne jede Beziehung

428 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung' und Geldwert.