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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
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10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 2.

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zur Funktion des Geldes als Übertragungsmittel nicht existiert, sowenig wie etwa der Reichtum an sich eine bestimmbare Bedarfsgröfsein der Volkswirtschaft ist; in dieser Beziehung gilt heute noch das,Avas oben über die merkantilistische Auffassung gesagt worden ist.Anders steht es dagegen mit denjenigen Geldbeständen, welche ent-weder direkt zu Zahlungszwecken oder indirekt als Grundlage fürEinrichtungen, welche der Zahlungsausgleichung dienen, gehaltenwerden; soweit solche Geldbestände in Betracht kommen, ist das Geldallerdings, wie Menger richtig hervorhebt, Gegenstand eines be-stimmten Bedarfs. Aber der Bedarf der Volkswirtschaft an solchenKassenvorräten und Barreserven ist, wie wir gleich sehen werden,von dem Bedarf der Volkswirtschaft an Geld für Zahlungen (imweitesten Sinne) überhaupt nicht zu scheiden. Wir kommen damitauf einen Punkt, an welchem sowohl die von Hildebrand aufgeworfeneFrage, ob nicht an Stelle eines Zeitraumes ein Zeitpunkt der Bestim-mung des Geldbedarfs zu Grunde zu legen sei, als auch der Zusammen-hang der Kassenvorräte und Barreserven mit derCirkulationsge-schwindigkeit" des Geldes einer Erörterung unterzogen werden müssen.

Wenn wir, wie es Hildübrand will, in einem gegebenen Zeitpunktden Gesamtbestand des in einer Volkswirtschaft zur Vermittelung vonÜbertragungen bestimmten Geldes ins Auge fassen, so befindet sichnur ein Teil, meist sogar nur ein verschwindender Teil in Bewegungund mithin in der wirklichen Erfüllung seiner ordentlichen Bestim-mung; der andere Teil dagegen befindet sich im Ruhezustände in denGeldbeuteln der einzelnen Individuen und den Kassen der Einzel-wirtschaften. Erstreckt sich nun in der That der Geldbedarf derVolkswirtschaft, wie Hildebrand behauptet, nur auf das jeweilig inBewegung befindliche Geld, und entspricht in der That der Maximal-bedarf einer Volkswirtschaft an Geld innerhalb eines gröfseren Zeit-raumes dem höchsten Gesamtbetrage, den die gleichzeitig auszuführendenZahlungen innerhalb dieses Zeitraumes erreichen? Oder aber hatMenger Recht, der neben dem Bedarf für die jeweils thatsächlich zuvermittelnden Übertragungen einen Bedarf an Geld für Reserven-und Kassen Vorräte aller Art anerkennt?

Die Fragestellung allein schon enthält auf den ersten Blick eineBeantwortung zu Gunsten Mengers ; denn niemand wird behauptenkönnen, dafs die in einem gegebenen Augenblicke ruhenden Kassen-vorräte für die Volkswirtschaft überflüssig sind. Was Hildebrandals Zeitpunkt der Zahlungen dem Zeitraum gegenüberstellt, das isteben nicht minder eine Abstraktion, wie die von ihm so hart kritisierteCirkulationsgeschwindigkeit" des Geldes. Eine Konzentration derZahlungen auf einen und denselben Augenblick kann nicht ernsthafteiner Untersuchung zu Grunde gelegt werden; sobald aber die Zah-