10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 2.
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späteren Zeitpunkte zu leisten sind, oder die kraft der besonderenNatur des ihnen zu Grunde liegenden Schuldverhältnisses zu einemjeden Zeitpunkte gefordert werden können, dem Bedarf an Geld fürdie jeweilig effektiv zu leistenden Zahlungen als etwas Verschiedenesgegenüberstellen? . Läfst sich, mit anderen Worten, der Bedarf anZahlungsmitteln im Ruhezustande von dem Bedarf an Zahlungsmittelnin Bewegung überhaupt unterscheiden? Meines Erachtens nicht; viel-mehr leitet eine genauere Prüfung dieser Frage zu einem Problem,das mit dem Problem der Cirkulationsgeschwindigkeit des Geldes ver-wandt ist, ohne sich mit ihm ganz zu decken.
Wenn wir soeben gesehen haben, dafs die in einem bestimmtenZeitpunkte zu leistenden Zahlungen nicht ausschliefslich bestimmendsind für den Geldbedarf einer Volkswirtschaft, dafs sich dieser viel-mehr auch auf das in späteren Zeitpunkten für die thatsächlich odermöglicherweise zu leistenden Zahlungen notwendige Geld erstreckt, soergiebt sich daraus, dafs ein gröfserer Zeitraum der Ermittelung desGeldbedarfs zu Grunde zu legen ist. Dann aber ist neben dem Bedarfan Geld für Zahlungszwecke nicht auch noch ein Bedarf an Geld zuReserve- oder Thesaurierungszwecken anzuerkennen; denn ein solcherBedarf besteht eben nur insoweit, als das Geld innerhalb eines gröfserenZeitraums zu Zahlungszwecken thatsächlich oder möglicherweise be-nötigt wird. Die in einem gegebenen Augenblicke jeweilig ruhendenBarvorräte werden um so gröfser sein müssen, je geringer — nichtetwa die Cirkulationsgeschwindigkeit des Geldes ist, es handelt sichhier um einen viel weiteren Begriff —, sondern je geringer die Inten-sität der Ausnutzung des Geldes ist, von der die Cirkulations-geschwindigkeit nur einen Teil darstellt, aber immerhin einen Teil.
Wenn die Zahlungen eines zweiten Zeitpunktes ganz oder zum grös-seren Teil mit denselben Geldstücken geleistet werden können, wie die-jenigen des ersten Zeitpunktes, so brauchen im ersten Zeitpunkte nicht indemselben Umfange ruhende Kassenvorräte vorhanden zu sein, wie wenndie Zahlungen des zweiten Zeitpunktes ganz oder vorwiegend mit andernStücken geleistet werden müfsten; der Geldbedarf der Volkswirtschaftist im ersteren Falle ein geringerer, weil die Intensität der Benutzungdes Bargeldes — hier gleichbedeutend mit der Cirkulationsgeschwin-digkeit — eine gröfsere ist.
Wie oben auseinandergesetzt wurde, kann in diesem Falle dieerhöhte Cirkulationsgeschwindigkeit des Geldes und mithin der ge-ringere Geldbedarf darauf beruhen, dafs dieselben Einzelwirtschafteninnerhalb der Volkswirtschaft in rascherFolge Zahlungen zu empfangenund zu leisten haben. In diesem Punkte verhalten sich nun die verschie-denen Einzelwirtschaften innerhalb einer Volkswirtschaft keineswegsgleichmäfsig. Wir haben nebeneinander den Tagelöhner, der Tag für Tag,