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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
432
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432 Zweites Buch. IY. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.

den Arbeiter, der Woche für Woche seinen Lohn empfängt nnd veraus-gabt; in diesen Hanshaltungen können sich, soweit man von erheb-licheren Ersparnissen absieht, niemals gröfsere Kassen Vorräte an-sammeln. Anders steht es schon beim Beamten, der vierteljährlich seinGehalt bezieht; wenn wir hier gleichfalls von Ersparnissen und andrer-seits auch von der vorübergehenden Nutzbarmachung der überschüs-sigen Bestände absehen, so finden wir in diesen Haushaltungen zuBeginn der Vierteljahre gröfsere Kassenbestände, die sich bis zumEnde des Quartals langsam aufzehren; die Geldstücke, welche in derletzten Woche des Quartals zu Zahlungen benutzt werden, haben wäh-rend des ganzen Quartals müfsig in der Kasse gelegen. DieselbenUnterschiede, wie sie sich an die verschiedenen Termine der Ent-lohnung persönlicher Arbeitsleistungen anschliefsen, stellen sich auchein hinsichtlich der Termine der zu leistenden Zahlungen. Wo jähr-liche Zins- und Pachtzahlungen zu machen sind, müssen die für dieseZwecke notwendigen Summen in den Einzelwirtschaften allmählich an-gesammelt werden; dadurch werden gröfsere Summen der eigentlichenCirkulation entzogen, als durch gleich grofse Ausgaben, die sich gleicli-mäfsiger über das Jahr verteilen. Ähnliche Unterschiede beobachtenwir bei ganzen Gruppen von wirtschaftlichen Unternehmungen. DieLandwirtschaft hat ihre grofse Einnahmezeit im Herbst nach derErnte. Bei den Industrien dagegen verteilen sich die Einnahmen aufdas ganze Jahr, freilich wohl bei keiner Industrie gleichmäfsig; Ab-satzzeiten und Zahlungstermine hängen auch hier in grofsem Umfangevom Wechsel der Jahreszeiten ab, so insbesondere bei den Bekleidungs-industrien; aber im grofsen Ganzen ist der Pulsschlag von Einnahmenund Ausgaben ein lebhafterer und regelmäfsigerer als bei den land-wirtschaftlichen Unternehmungen. So sehr nun auch das Bedürfnisder Kassahaltung im Verhältnis zu den zu leistenden Zahlungen beiden Einzelwirtschaften innerhalb derselben Volkswirtschaft ein ver-schiedenes ist, so lassen sich doch über das Verhalten der Volkswirt-schaften in diesem Punkte gewisse allgemeine Wahrnehmungen machen.Der Geldbedarf ist im Verhältnis zum Gesamtbetrag der währendeines längeren Zeitraums durch das Geld zu vermittelnden Übertra-gungen um so geringer, je gleichmäfsiger sich der Zahlungsprozefsüber den ganzen Zeitraum verteilt, und je mehr die Einzelwirtschaften,bei denen Zahlungseingang und Zahlungsleistung sich in raschemWechsel folgen, überwiegen. Gebiete mit dichter Bevölkerung, ent-wickelter Industrie und lebhaftem Verkehr beanspruchen deshalb imVerhältnis zur Gröfse der gesammten Umsätze einen geringen Geld-bestand, als Gebiete mit spärlicher Bevölkerung, die nur zu bestimmtenZeiten miteinander in Verkehr tritt und bei der das Vorwiegen der Land-wirtschaft die Geldeingänge auf bestimmte Jahreszeiten konzentriert.