10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 3.
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das er mit sich herumträgt oder in seinen Kassen liegen hat, Zinsenverliert; dieser Verlust wird vielmehr für ihn durch die Bequemlichkeiteines jederzeit bereiten reichlichen Kassenbestandes überwogen.
§ 3. Die Schwankungen des Geldbedarfs.
Mit der Feststellung der den Geldbedarf bestimmenden Faktorenist zugleich die Grundlage für die Erörterung der Schwankungen desGeldbedarfs gewonnen; die Veränderungen des Geldbedarfs in derZeitmüssen sich auf dieselben Bestimmungsgründe zurückführen lassen, aufwelchen die Verschiedenheit des Geldbedarfs der einzelnen Volkswirt-schaften in einem gegebenen Zeitpunkte beruht.
Wenn wir uns ein Bild von den zeitlichen Schwankungen desGeldbedarfs innerhalb einer und derselben Volkswirtschaft machenwollen, so werden wir zu der Wahrnehmung geführt, dafs die Be-wegungen des Geldbedarfs sich nicht als einfache Kurven darstellen,die in grofsen, mehr oder weniger gleichmäfsig verlaufenden Zügenauf- und abwärtsführen; die grofsen Züge der Bewegung unterliegenvielmehr in sich selbst starken Modifikationen.
Wir beobachten zunächst die grofsen Wandlungen des Geldbedarfs,die in der — ich möchte sagen — säkularen Entwicklung der Volkswirt-schaft begründet sind, in dem Vordringen der Geldwirtschaft, in derZunahme der Bevölkerung, in der Steigerung der Gütererzeugungund des Verkehrs, in der Vermehrung des allgemeinen Wohlstandes,in der Ausbildung des Leihverkehrs in Geld, in der Entwicklungverbesserter Zahlungsmethoden und Zahlungseinrichtungen, in derEinbürgerung des Gebrauchs von Geldsurrogaten. Diese in der Ge-samtentwicklung der Volkswirtschaft gelegenen Faktoren, die sich untereinander teils verstärken, teils entgegenwirken, bestimmen in den grofsenLinien die Veränderungen des durchschnittlichen Geldbedarfs längererZeiträume.
Innerhalb dieser grofsen Bewegungen beobachten wir periodischeSclnvankungen von kürzerer Dauer, die mit dem Wellenschlag desWirtschaftslebens, mit dem Auf und Ab der Konjunkturen zusammen-hängen. Auch wenn die ganze Signatur einer längeren Periode einegleichartige ist, so fehlt doch nicht der Wechsel von Zeiten des Auf-schwungs und Zeiten der Depression und des Bückgangs. Die ge-waltige Entwicklung der einzelnen Wirtschaftsgebiete, welche im ver-flossenen Jahrhundert durch die Umgestaltung der Produktions- undTransporttechnik ausgelöst worden ist, die unübersehbare Steigerungder Gütererzeugung und des Verkehrs, die Vermehrung der Kapitalienund des Wohlstandes hat sich keineswegs in ruhigem Flufs, sondernruckweise vollzogen. Wir beobachten in einzelnen Perioden ein stür-misches Vorwärtsdrängen; die Gütererzeugung scheint der Nachfrage