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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
442
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442 Zweites Buch. IV, Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung' und Geldwert.

nicht genügen zu können, die Preise der Waren, sowohl der fertigenErzeugnisse als auch der wichtigsten Roh- und Hilfsstoffe, zeigen eineallgemeine Steigerung; dadurch werden die Unternehmer zu Betriebs-ausdehnungen und Neugründungen veranlafst. Ebenso wie die Nach-frage nach Materialien steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften, undinfolgedessen erhöhen sich die Arbeitslöhne; dazu kommt die Steige-rung der Umsätze auf dem Anlagemarkt; die günstigen Erträgnisseder Unternehmungen veranlassen das Publikum zur Kapitalanlage undzur Spekulation in Dividendenpapieren, deren Kurse infolge der ver-mehrten Nachfrage gleichfalls eine steigende Richtung einschlagen. Insolchen Zeiten vermehren sich die Umsätze von Waren und Wertpapierennicht nur ihrer Menge nach, sondern infolge der Preis- und Kurssteigerungbenötigt auch der Umsatz gleicher Warenmengen und gleicher Beträgevon Industriepapieren u. s. w. einen höheren Geldbetrag; die ganzeBewegung wirkt mithin in verdoppelter Stärke auf eine Steigerungdes Geldbedarfs. Da im kaufmännischen Verkehr der Wechsel das-jenige Instrument ist, durch welches sich die einzelnen UnternehmungenGeld im Wege des kurzfristigen Kredits zu beschaffen suchen, ist dieGröfse des Betrags der jeweils in Umlauf gesetzten Wechsel ein ziemlichzuverlässiges Symptom für diese Bewegungen des Geldbedarfs. Währendder letzten grofsen Aufschwungsperiode (18941900) ist in der Thatder Betrag der in Deutschland in Umlauf gelangten Wechsel von 14,7auf 23,3 Milliarden Mark gestiegen. 1 )

Freilich pflegen solche Zeiten nicht nur eine Steigerung des Geld-wertes der zu bewältigenden Übertragungen zu bringen, sondern gleich-zeitig auch eine Steigerung der Intensität der Ausnutzung des vor-handenen Geldbestandes. Von der mehr oder weniger problematischenSteigerung der Umlaufsgeschwindigkeit des cirkulierenden Geldes sollhier abgesehen werden; es sei nur auf die feststehende Erscheinung hingewiesen, dafs unter dem Druck des steigenden Geldbedarfs diegrofsen Barreserven der Volkswirtschaft, die in den Kellern der Bankenliegen, dadurch eine Verminderung erfahren, dafs seitens dieser In-stitute gröfsere Barbeträge als sonst dem Verkehr im Wege derWechseldiskontierung u. s. w. zur Verfügung gestellt werden, währendandrerseits auf Grund der schmaleren Bargeldbasis ein gröfserer Be-trag von Zahlungsausgleichungen als in normalen Zeiten bewirkt wird.Bei der näheren Betrachtung der gewaltigen Steigerung, welche dieGiroguthaben der Reichsbank im Laufe des ersten Vierteljahrhundertsihres Bestehens erfahren haben, drängt sich die Wahrnehmung auf, dafsdie Zunahme der Guthaben in der Hauptsache auf die Perioden einesstockenden Geschäftsganges entfiel, während die Jahre eines wirt-

1) Vergl. die interessante Tabelle in der Denkschrift ,.,Die Reichsbank", S. 362/68.