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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
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10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 3.

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schaftlichen Aufschwungs meist einen Stillstand oder gar einen Rück-schlag brachten; vor allem aber beobachten wir, dafs der durch-schnittliche Umsatz der Giroguthaben in den Jahren lebhafter Ge-schäftstätigkeit ein viel höherer war. als in Perioden der geschäft-lichen Depression. Auf je eine Mark des durchschnittlichen Bestandesder privaten Giroguthaben bei der Reichsbank kam ein Umsatz von274 Mark in den Jahren 1894 und 1895; dieser Umsatz hat sichwährend der folgenden Aufschwungsperiode bis auf 399 Mark imJahre 1899 und 405 Mark im Jahre 1900 gesteigert, während gleich-zeitig die durchschnittliche metallische Deckung der sämtlichen täglichfälligen Verbindlichkeiten von etwa 63 Proz. auf etwa 49,5 Proz. herab-gegangen ist. Wenn man den Barvorrat, den die Reichsbank gemein-schaftlich für ihre sämtlichen täglich fälligen Verbindlichkeiten hält,pro rata auf die einzelnen Arten von täglich fälligen Verbindlichkeiten(Noten, Girogelder u. s. w.) verteilt, so kann man sagen, dafs imGiroverkehr der Reichsbank 49,5 Pfennige des Barvorrates im Jahre1900 einen Umsatz von 405 Mark bewältigt haben, während in denJahren 1894 und 1895 durch 63 Pfennige nur ein Jahresumsatz von274 Mark bewältigt worden ist; oder dafs im Giroverkehre der Reichs-bank 1 Pfennig Bargeld in den Jahren 1894 und 1895 einen Jahres-umsatz von 4,35 Mark, im Jahre 1900 dagegen einen Jahresumsatzvon 8,30 Mark bewältigt hat. Der Bedarf an barem Geld brauchtmithin in solchen Zeiten nicht ganz entsprechend der Steigerung derdurch das Geld zu vermittelnden Übertragungen zu wachsen.

Wenn der wirtschaftliche Aufschwung, wie es erfahrungsgemäfsimmer wieder der Fall ist, schliefslich zu einer allzustarken Ausdeh-nung der Unternehmungen, zu einer Uberproduktion und Uberspeku-lation führt, wenn infolgedessen der naturgemäfse Rückschlag miteinem Sinken der Preise und der Kurse, mit einem Rückgang derUmsätze und der neuen Investierungen von Kapital eintritt, dannvollzieht sich die Bewegung des Geldbedarfs nach der umgekehrtenRichtung hin; der Geldbedarf nimmt ab, und die Ausnutzung der vor-handenen Geldbestände wird eine weniger intensive.

Neben diesen sich über längere Zeiträume erstreckenden Auf-und Abwärtsbewegungen des Wirtschaftslebens stehen diejenigen akutenErscheinungen, die man als Krisen zu bezeichnen pflegt, und welchein der Regel den Übergang von einer Aufwärtsbewegung zu einerDepression einzuleiten pflegen; freilich können Krisen auch aus andernGründen, die an sich nicht einmal wirtschaftlicher Natur zu seinbrauchen, entstehen, z. B. infolge politischer Ereignisse, wie beim Aus-bruch von Kriegen und inneren Unruhen. Die Signatur der Krisisgegenüber der chronischen Absatzstockung ist die akute Erschütte-rung des Vertrauens. Von solchen plötzlichen Vertrauenserschiitte-