10. Kapitel. Der Geldbedarf. § 3.
445
wirkten Abwärtsbewegungen des Geldbedarfs gewisse Schwingungen fest-stellen, die sich innerhalb der einzelnen Jahre mit grofser Regelmäfsig-keit wiederholen, und die man als die Jahreskurven des Geldbedarfsbezeichnen kann. Diese Bewegungen treten deutlich hervor in denAusweisen der grofsen Centraibanken der europäischen Länder, beiwelchen der Geldbedarf der Volkswirtschaft, soweit er den Umfang desjeweilig in Cirkulation befindlichen Geldes überschreitet, in letzterLinie sich zu decken sucht, sei es durch Diskontierung von Wechseln,sei es durch Inanspruchnahme von Lombardkredit, sei es durch Ent-nahme aus Guthaben. An diesem Mafsstabe gemessen, zeigen dieMonatsschliisse und noch mehr die Quartalswechsel und die Jahres-wenden eine überdurchschnittliche Anspannung des Geldbedarfs. Aufdiese Termine drängen sich die Regulierungen von Rechnungen undZahlungverpflichtungen jeder Art, sowohl aus dem kleinen als aus demgrofsen Verkehr, zusammen; Zinszahlungen und Dividendenausschüt-tungen, Miets- und Pachtzahlungen, Gehaltszahlungen erfolgen vor-wiegend zu diesen Zeitpunkten, Wechsel werden vorwiegend auf solcheZeitpunkte fällig gestellt, kurz ein sehr erheblicher Teil der gesamtenwährend eines Jahres zu leistenden Zahlungen wird nach unserenZahlungsgewohnheiten an den bezeichneten Terminen bewirkt. Es istwiederholt vorgekommen, dafs der Reichsbank in der letzten Wocheeines Quartals oder eines Jahres etwa 100 Millionen Mark an Metallgeldentzogen worden sind, und dafs sie gleichzeitig dem Verkehr nochgröfsere Beträge durch eine Steigerung ihrer Notenausgabe zur Ver-fügung stellen mufste; in den ersten Wochen des neuen Quartals oderJahres tritt dann mit dem Nachlassen des akuten Geldbedarfs regel-mäfsig ein Rückflufs dieser Mittel zu den Kassen der Reichsbank ein.
Mit der Feststellung der Thatsache, dafs die Jahreskurven desGeldbedarfs ihre Höhepunkte an den Monats- und Quartalswendenhaben, ist jedoch die Charakterisierung dieser Jahreskurven noch nichterledigt. Es kommt die Aveitere Thatsache hinzu, dafs das ganzeNiveau des Geldbedarfs innerhalb der einzelnen Jahreszeiten sich ineiner regelmäfsig wiederkehrenden Weise ändert. Schon bei der Dar-stellung der konstituierenden Faktoren des Geldbedarfs wurde daraufInngewiesen, in welchem Mafse die Verteilung der innerhalb einerVolkswirtschaft zu leistenden Zahlungen über das Jahr von den Ab-satz- und Zahlungszeiten der wichtigeren Erwerbszweige abhängig ist.Die Landwirtschaft hat ihre Geschäftszeit im Herbst nach der Ernte;in dieser Zeit setzt sie ihre Produkte zum ganz überwiegenden Teileab und beschafft sich dadurch die Mittel für die Fortführung ihresBetriebs bis zur nächsten Ernte. Aber auch zahlreiche und AvichtigeIndustriezAveige haben im letzten Jahresviertel die lebhafteste Geschäfts-thätigkeit. In unserm Klima steigert der Winter den Bedarf an einer