11. Kapitel. Die Geldversorgung'. § 2.
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und. die metallischen Umlaufsmittel eines Landes sind keineswegs einaus dem gesamten Metallgeldvorrat der AVeit ein für allemal fiir dieZwecke dieses Landes ausgeschiedener Bestand. Es giebt zahlreiche 'Beispiele erheblicher Verschiebungen in der Metallcirkulation dereinzelnen Länder. Als die Vereinigten Staaten infolge des Bürger-kriegs zu Beginn der 60 er Jahre in die Papierwährung gerieten,haben sie aufser dem Ertrag ihrer Neuproduktion von Gold einenerheblichen Teil ihres vorher bereits vorhandenen Goldbestandes anEuropa abgegeben; als Deutschland zu Beginn der 70er Jahre dieGoldwährung einführte und vermittelst der Eingänge aus der franzö-sischen Kriegskostenentschädigung die gewaltige Goldmenge für dieersten Prägungen von Reichsgoldmünzen beschaffte, hat es in grofsemUmfange aus den Goldbeständen Frankreichs. Englands und der Ver-einigten Staaten geschöpft; ähnliches gilt fiir die Goldbeschaffungen,die in den 90er Jahren von Rufsland, Österreich und Japan zumZwecke der Einführung der Goldwährung durchgeführt worden sind,ebenso von den erheblichen Goldimporten, durch die in der zweitenHälfte der 90 er Jahre die Vereinigten Staaten ihre Währungsverhält-nisse auf Grundlage der Goldvaluta mit grofsem Erfolge verbesserthaben. Für die Geldversorgung der einzelnen Volkswirtschaften kommtmithin nicht nur in Frage, welchen Anteil sie sich an der jährlichenWeltproduktion des Geldmetalls sichern können, sondern auch wieweit sie ihren vorhandenen Bestand an Metallgeld behaupten und wieweit sie etwa Metallgeld aus den Beständen andrer Volkswirtschaftenan sich zu ziehen vermögen; neben der Höhe der Weltproduktionan Edelmetall ist für die Geldversorgung der einzelnen Volkswirt-schaften bestimmend die Gestaltung der sogenannten internationalenEdelmetallbewegung.
Wir sehen uns damit vor die Frage gestellt, von welchen Faktorender Anteil einer Volkswirtschaft an den internationalen Edelmetall-bewegungen abhängt.
Dieses Problem hat die Anfänge der volkswirtschaftlichen Theorie,wie sie in dem merkantilistischen Gedankenkreise gegeben sind, gerade-zu beherrscht. Die Frage, die im Jahre 1613 der Italiener Serra zumTitel einer für die damalige Auffassung charakteristischen Schrift machte,„Avie kann sich ein Land, das keine Bergwerke besitzt, Reichtum anGold und Silber verschaffen?" mufste bei der mangelnden Unterschei-dung zwischen Geld und Reichtum als der Kern aller volkswirtschaftlichenFragen erscheinen. Man glaubte die Frage beantwortet zu haben, in-dem man die Ein- und Ausfuhr von Edelmetall in Abhängigkeit setztevon der Gestaltung der Handelsbilanz. Edelmetall, so nahm man an,kommt ins Land als Gegenwert für die ausgeführten Waren, und esgeht aufser Landes als Gegenwert für die eingeführten Waren; eine
Helpferich, Das Geld. 29