450 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.
Edelmetalleinfuhr müsse deshalb eintreten, sobald die Warenausfuhrdie gleichzeitige Waren einfuhr übersteige, und eine Edelmetallausfuhr' müsse Platz greifen, sobald die Wareneinfuhr die Warenausfuhr über-wiege. Im ersteren Falle nannte man deshalb die Handelsbilanz „günstig",im letzteren Falle „ungünstig", Bezeichnungen, die sich bis zum heutigenTage neben den farbloseren Bezeichnungen „aktive" und „passive"Handelsbilanz erhalten haben.
Zweifellos ist die Handelsbilanz ein überaus wichtiger Faktor fürdie Gestaltung der Edelmetallbewegungen; aber allein schon die that-sächliche Wahrnehmung, dafs gewisse Länder, so vor allem Deutsch-land, England und Frankreich , dauernd eine sogenannte ungünstigeHandelsbilanz haben und trotzdem nicht nur kein Edelmetall "verlieren,sondern sogar im stände sind, ihre Metallgeldbestände durch Zuflufsvon aufserhalb erheblich zu vermehren, mufste zu einer Berichtigungund Ergänzung der Handelsbilanztheorie führen. Man wies daraufhin, dafs die Bewegungen der Edelmetalle als Zahlungsmittel nichtausschliefslich bestimmt werden könnten von den Zahlungen, die vonLand zu Land speciell für ein- und ausgeführte Waren zu leisten sind,dafs vielmehr bestimmend sein müsse die Gesamtheit sämtlicher vonLand zu Land zu leistender Zahlungen ohne Rücksicht auf ihrenEntstehungsgrund; man hat damit der Handelsbilanz einen weiterenBegriff, der als „Zahlungsbilanz " bezeichnet wird, gegenübergestellt.
Die Handelsbilanz ist ein Teil der Zahlungsbilanz und nimmtinnerhalb der Zahlungsbilanz wohl eines jeden Landes ziffernmäfsigden breitesten Baum ein. Dennoch wird, wie das Beispiel der obengenannten Länder zeigt, die Einwirkung der Handelsbilanz auf dasEndresultat der Zahlungsbilanz vielfach durch die übrigen internati-onalen Zahlungen, die nicht aus dem Warenverkehr hervorgegangensind, geradezu umgekehrt. Diese die Wirkung der Handelsbilanzmodifizierenden Faktoren sind in der Hauptsache folgende:
1. Der Besitz eines Volkes an ausländischen Wertpapieren (Obli-gationen, Aktien u. s. w.) in seinem Verhältnis zum Besitz des Aus-landes an inländischen Werten dieser Art. Je gröfser das Über-gewicht des inländischen Besitzes an ausländischen Werten ist, destostärker ist der Überschufs an Zinsen und Dividenden, der einemLande Jahr für Jahr aus dem Auslande zufliefst.
2. Die von Angehörigen des einen Landes in einem andern Landebetriebenen Unternehmungen, deren Erträgnisse, ebenso wie die Zinsenausländischer Wertpapiere, dem Heimatlande des Kapitalisten undUnternehmers zu gute kommen.
3. Der Betrieb von internationalen Vermittelungsgeschäften auf demGebiete des Handels und der Schiffahrt. Man braucht bei diesemPosten der Zahlungsbilanz nur an die enormen Gewinne zu denken,