11. Kapitel. Die Geld Versorgung. § 3.
453
im Auslände oder schliefslich aus dem Betriebe internationaler Ver-mittelungsgeschäfte irgendwelcher Art hervorgehen, sind Bestimmungs-gründe für die internationalen Edelmetallbewegungen, die mit demGeldbedarf der einzelnen Länder an sich nichts zu thun haben.
Dagegen liegt offenbar eine unmittelbare Beziehung zu dem Geld-bedarf vor bei denjenigen Modifikationen, welche die Edelmetallbe-wegungen durch den internationalen Leihverkehr in Geld erfahren.Wie der Bedarf an Waren in der Höhe des Preises zum Ausdruckkommt und durch diese Einwirkung auf den Preis die Versendungder Waren beeinflufst, ebenso äufsert sich der Bedarf an Kapital inder Höhe des Zinsfufses und beeinflufst dadurch die Bewegungen desinternationalen Kapitalverkehrs. Nun mufs man sich freilich hüten,den Bedarf an Kapital und den Bedarf an Geld für gleichbedeutendzu halten und anzunehmen, dafs die grofsen internationalen Kapital-übertragungen, wie sie etwa durch die Aufnahme von Anleihen kapi-talbedürftiger Staaten in kapitalreichen Ländern veranlafst werden,ausschliefslich oder auch nur zu einem sehr beträchtlichen Teil inGeld erfolgten. Wenn z. B. ein Staat wie Indien in England eineAnleihe zum Zwecke des Baues von Eisenbahnen aufnimmt, so wirder den Wert der Anleihe effektiv zu einem grofsen Teil nicht in Edel-metall oder Geld, sondern in Schienen und anderen Materialienempfangen, also in denjenigen Kapital darstellenden Gütern, auf welchesich sein eigentlicher Bedarf richtet und zu deren Beschaffung dasauf die Anleihe eingezahlte Geld lediglich eiu Mittel ist. Freilichkann sich der Bedarf, der zur Aufnahme von Anleihen im Auslandeführt, auch auf Kapital in Geldform richten; das war z. B. in der aus-gesprochensten Weise der Fall bei den grofsen Anleihen, die im Laufeder letzten Jahrzehnte von Italien , Österreich-Ungarn, Rufsland undandern Ländern aufgenommen worden sind, um eine Papierwährungwieder durch eine metallische Währung zu ersetzen.
Was für die ausländischen Anleihen des Staates gilt, bei denenGrund und Zweck meist ohne weiteres klar liegen, gilt in derselbenWeise für den nach Grund und Zweck sehr viel weniger übersicht-lichen internationalen Kapitalverkehr, der aus den Kapitalbedürf-nissen der Einzelwirtschaften innerhalb einer jeden Volkswirtschaftresultiert. Der Kapitalbedarf einer jeden einzelnen Unternehmungrichtet sich, ebenso wie der Kapitalbedarf des Staates selbst, auf be-stimmte Erscheinungsformen des Kapitals, von denen das Geld nureine unter Tausenden ist; soweit die Summe dieser Kapitalnachfrageim Inlande keine Deckung findet und sich deshalb an das Auslandwendet, mufs es ganz von der besonderen Art des die inländischenMittel überschreitenden Kapitalbedarfs abhängen, in welcher Formdie kreditierten Werte importiert werden.