454 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf. Geldversorgung' und Geldwert.
Während der Bedarf an Kapital, der im Wege des langfristigenKredits gedeckt wird, nur in Ausnahmefällen sich auf Geld richtet, istdie Inanspruchnahme kurzfristigen Kredits der Weg, auf dem sowohldie Finanzwirtschaft des Staates und anderer Körperschaften als auchdie privaten Unternehmungen und sonstigen Einzelwirtschaften sichdie vorübergehend benötigten Zahlungsmittel zu beschaffen suchen.In diesem Sinne unterscheidet man zwischen dem Kapitalmarkt alsdem Markt für langfristige Anlagen und dem Geldmarkt als dem Marktfür kurzfristigen Kredit. Die Zinssätze der einzelnen nationalen Geld-märkte sind in grofsem Umfang abhängig von der Stärke der Geld-nachfrage; da die Höhe der Zinssätze für kurzfristigen Kredit in deneinzelnen Ländern einen weitgehenden Einflufs auf die Edelmetallbe-wegungen ausübt, so liegt hier allerdings eine Einwirkung des Geld-bedarfs der einzelnen Länder auf die internationale Edelmetallbe-wegung vor. Der Leihverkehr in Geld kann mithin in der That dieaus dem Warenverkehr und aus andern Ursachen hervorgehendeninternationalen Zahlungsverpflichtungen in ihrer Wirkung auf die Ver-sendung von Geld und Geldmetall paralysieren, ebenso wie das einzelnewirtschaftende Individuum sich das benötigte Bargeld aufser auf demWege des Verkaufs von Gütern und der Einziehung von Forderungenauch auf dem Wege des Kreditnehmens beschaffen kann. Aber ebenso wiebeim Verkehr zwischen Individuen, so hat auch im Verkehr zwischen deneinzelnen Ländern die Geldübertragung im Wege des Kredits keinen un-begrenzten Spielraum. Auf die Dauer leiht man nur, wenn man das Aus-geliehene wieder zurückerhält; es entscheidet nicht allein die Gröfse desBedarfs, sondern auch die Vertrauenswürdigkeit und Leistungsfähig-keit des Schuldners. Ein dauernder Fehlbetrag in der nationalenZahlungsbilanz kann deshalb nicht im Wege des internationalen Leih-verkehrs ausgeglichen werden, weil die Möglichkeit der Zurückzahlungder auf dem internationalen Geldmarkt aufgenommenen Darlehen unddamit die Grundlage für die ausgleichende Wirkung des internatio-nalen Kreditverkehrs schliefslich schwinden müfste. Immerhin stehtsoviel fest, dafs gegenüber einer Gestaltung der Zahlungsbilanz, derenWirkung auf die internationale Edelmetallbewegung der Entwicklungdes Geldbedarfs eines Landes nicht entsprechen würde, wenigstens vor-übergehend im Wege des Kreditverkehrs eine Beeinflussung der inter-nationalen Edelmetallbewegungen durch den Geldbedarf der einzelnenLänder möglich ist.
Es bleibt die weitere Frage, ob in der That der Geldbedarf dereinzelnen Länder nur durch die Vermittlung des internationalenKreditverkehrs auf die Edelmetallbewegungen einzuwirken vermag,und ob wirklich jede Einwirkung des Geldbedarfs auf die übrigenFaktoren, welche die Edelmetallbewegungen beeinflussen, ausgeschlossen