11. Kapitel. Die Geldversorgung. § 3.
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ist. Der ursprünglichen Theorie, nach welcher die Zu- und Abflüssevon Edelmetall lediglich als die notwendige und selbstverständlicheWirkung der Gestaltung der Handelsbilanz anzusehen waren, ist schonvon David Hume die These gegenübergestellt worden, dafs die Ver-sendung von Geld von Land zu Land, ebenso wie die Versendungaller anderen Waren, im letzten Grunde durch die Unterschiede desBedarfs an Geld bestimmt werde. Wenn ein Land infolge einerungünstigen Handelsbilanz erhebliche Mengen von Geld an ein anderesLand abgeben müsse, so sei unter sonst gleichen Umständen die Folge,dafs das erstere Land Mangel, das letztere Überflufs an Geld habe.Diese Verschiedenheit in der Deckung des Geldbedarfs müsse sichäufsern in dem Werte des Geldes gegenüber den andern Gütern: indem Lande mit dem verringerten Geldumlauf steigt der Wert desGeldes gegenüber den Waren, in dem andern Lande sinkt der Wertdes Geldes gegenüber den Waren; oder — mit andern Worten aus-gedrückt — im ersteren Lande sinken die Geldpreise der Waren, imletztern Lande steigen sie. Diese Verschiebung im Preisniveau derbeiden Länder bewirkt einen Umschwung in der Gestaltung ihrerHandelsbilanz: während bisher das erstere Land mehr Waren ein-als ausgeführt und gerade deshalb Geld an das Ausland verloren hat,wird jetzt, bei den niedrigen Preisen im Inlande und den höherenPreisen im Auslande die Einfuhr von Waren erschwert und die Aus-fuhrbefördert; kurz die bisher ungünstige Handelsbilanz wird — infolgedes durch sie verursachten Geldabflusses und Geldmangels und infolge derWirkung dieser Vorgänge auf die Warenpreise — auf automatischem Wegewieder günstig, uud an die Stelle des Geldabflusses tritt ein Geldzuflufs.
Diese Theorie, die an Stelle des einseitigen Verhältnisses vonHandelsbilanz und Edelmetallbewegungen, wie es die Merkantilistenkonstruiert hatten, ein Wechsel wir kungsverhältnis annimmt, greiftbereits weit hinüber in die Fragen der Bestimmungsgründe und derWirkungen der Geldwertveränderungen. Die Unterlagen dieser Theoriewerden deshalb später genauer zu prüfen sein. Hier genüge die allgemeineErwägung, dafs es bei näherem Zusehen durchaus natürlich erscheinenmufs, dafs die Verteilung der wichtigsten Geldstoffe über die einzelnenLänder denselben Einflüssen unterliegt, wie die Verteilung der übrigenGüter; und diese Einflüsse sind die Stärke des Bedarfs auf der einenSeite, der Grad der Verfügung über Mittel des Erwerbs (Kaufkraft)auf der andern Seite. Ein jeder Einzelne und ebenso ein jedes Landkann auf Grund seiner gesamten wirtschaftlichen Kraft alle seineBedürfnisse bis auf einen gewissen Sättigungspunkt decken, in derWeise, dafs die verfügbaren Mittel stets für die Befriedigung desdringenderen Bedürfnisses zunächst Verwendung finden. Es ist nichteinzusehen, warum das Geld aufserhalb dieses Kreises stehen soll und