458 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.
Obwohl nur etwa ein Viertel der ganzen Kontribution in Goldrealisiert und der ganze Rest in Wertpapieren und Waren übertragenwurde, machte sicli die durch diese Zahlung hervorgerufene Störungder internationalen Cirkulationsverhältnisse stark fühlbar. Der deutsche Metallgeldbestand hat zwar infolge gewisser sich aus der Durchführungder Münzreform ergebender Gegenwirkungen 1 ) nicht unmittelbar um denvollen Betrag des durch die Kontribution erhaltenen und beschafftenGoldes zugenommen, immerhin ist er nach eingehenden Berechnungen 2 )von etwa 1985 Mill. Mark bei Beginn der Münzreform (Mitte 1871)auf 2810 Mill. Mark um die Mitte des Jahres 1873 angewachsen; daswar innerhalb zweier Jahre eine Zunahme um 825 Mill. Mark oderum mehr als 40 Prozent des zu Beginn der Münzreform in Deutsch-land vorhandenen Geldbestandes, die sich auf Kosten des Metallgeld-vorrates der übrigen europäischen Länder, namentlich Frankreichs ,Belgiens und Englands, vollzog. Dadurch wurde in Deutschland re-lativer Geldüberflufs und in den beteiligten ausländischen Gebietenrelativer Geldmangel erzeugt. Die Beaktion auf diese Verschiebungwar, dafs erstens nach der Beendigung der Milliardenzahlung undnach dem Aufhören des durch die Überspekulation und die Krisisvon 1873 verursachten aufserordentlichen Geldbedarfs die Zinssätzefür kurzfristigen Kredit auf dem deutschen Geldmarkte sich für längereZeit niedriger stellten als auf irgend einem ausländischen Geldmarkte,dafs zweitens auch nach der Abtragung der Kontribution die deutsche Handelsbilanz fortfuhr,- einen sehr erheblichen Einfuhrüberschufs auf-zuweisen. Der stärkere Geldbedarf des Auslandes machte mithin, so-weit er sich in höheren Zinssätzen äufserte, die zinsbare Anlage vonGeld im Auslande für die deutschen Kreditgeber zu einem lohnendenGeschäft; ferner beförderte die Thatsache , dafs der Geldbedarf derdeutschen Volkswirtschaft in einem beträchtlich höheren Umfangegedeckt war, als der Bedarf der deutschen Volkswirtschaft anandern Gütern, den Austausch des in Deutschland relativ überflüssigenGeldes gegen solche Erzeugnisse des Auslandes, nach denen in Deutsch-land ein gröfserer Begehr vorhanden war, ein Austausch, der sich nurvollziehen konnte, solange in Deutschland für die in Frage kommendenGüter höhere Geldpreise gezahlt wurden als im Auslande, d. h. solangein Deutschland der relative Überflufs an Geld den Wert des Geldesgegenüber den Gütern, deren Bedarf in geringerem Mafse gedeckt war,niedriger hielt als im Auslande.
Die Reaktion auf die gewaltige Geldübertragung an Deutschland
1) Namentlich die Austreibung- der in grofsen Mengen umlaufenden fremdenMünzen (österr. Gulden, Fünffrankenthaler u. s. w.) hat in den ersten Jahren derMünzreform der Vermehrung des Geldvorrats entgegengewirkt.
2) Siehe meine „Reform des deutschen Geldwesens", II. S. 365 ff. und S. 402.