12. Kapitel. Der Geldwert.. § 2.
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wenig mufs die Beobachtung, dafs es Geld ohne stoffliche Wertgrundlagegiebt, mit Notwendigkeit zu dem Schlufs führen, dafs das Geld derWertqualität entbehren könne; vielmehr bleibt die Möglichkeit offen,dafs für den Wert des Geldes eine andere Grundlage nachgewiesenwird, als der Wert des Geldstoffes. Gegenüber der früher vorwiegendvertretenen Auffassung von der Notwendigkeit des Substanzwertesdes Geldes hat die Beobachtung der modernen Gebilde der „freienWährungen", sowohl der Papierwährungen als auch der Währungenmit gesperrter Prägung des ursprünglichen Währungsmetalls, immermehr der Erkenntnis zum Durchbruch verholfen, dafs der Wert desGeldes unter bestimmten Voraussetzungen unabhängig von dem Werteirgend eines Geldstoffes für sich bestehen kann. Sowohl im geschicht-lichen Teil als auch in dem Abschnitt über die Geldverfassung habenwir Systeme kennen gelernt, bei welchen der Wert des Geldes nichtdurch seinen Stoff gegeben ist, sich auch nicht im Wege eines Kredit-verhältnisses von einem Avertvollen Stoff ableitet, sondern einzig alleindarauf beruht, dafs die zu Geld erklärten Münzen oder Scheine für dieVerrichtung der volkswirtschaftlich unentbehrlichen Geldfunktionenprivilegiert sind. Wenn bei der Papierwährung der Stoff, aus demdas Geld besteht, wertlos ist, wenn ferner die Papierscheine keinerleiForderungsrecht auf einen wertvollen Stoff enthalten, so hat doch dasPapiergeld, solange es im Austausch gegen irgendwelche andern Ver-kehrsobjekte genommen wird, einen im Verhältnis zu allen übrigenWerten veränderlichen und damit von allen übrigen Wertgegenständenunabhängigen Wert, der ausschliefslich auf seiner Funktion als Geldberuhen kann. Wenn ferner bei einer Silberwährung mit gesperrterPrägung der Wert der Geldeinheit ein wesentlich höherer ist als derWert des der Geldeinheit zu Grunde liegenden Silberquantums, so kannder höhere Wert des geprägten Geldes nur darauf beruhen, dafs diesesdie Geldfunktionen erfüllt, die durch das ungeprägte Metall nicht er-füllt werden können. Das Ergebnis dieser Wahrnehmungen läfst sichdahin formulieren: der Wert des Geldes mufs nicht unbedingtein Substanzwert, sondern er kann ein blofser Funktions-wert sein.
Wenn durch die erwähnten Erscheinungen auf dem Gebiete desmodernen Geldwesens der thatsächliche Nachweis für die Möglichkeiteines von seiner stofflichen Grundlage unabhängigen Geldwertes er-bracht ist, so wird eine theoretische Betrachtung des Verhältnisses von„Substanzwert" und „Funktionswert" ergeben, dafs beide Arten vonWert in den gleichen allgemeinen Voraussetzungen, auf denen jederwirtschaftliche Wert beruht, ihre Wurzeln haben, und zwar so sehr,dafs die anscheinende Antinomie zwischen Funktionswert und Substanz-wert sich vollkommen auflöst.