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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
506
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506 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung' und Geldwert.

ziehen. Bis sich die vollständige Ausgleichung aller Austauschver-hältnisse durchgesetzt hat, gewinnen bei einer Geldwertsteigerung die-jenigen, welche am längsten in der Lage sind, die alten Preise für ihreWaren, Arbeitsleistungen u. s. w. aufrecht zu erhalten, während sie imstände sind, die übrigen Verkehrsobjekte billiger zu bezahlen; bei einerGeldentwertung diejenigen, die am frühesten in der Lage sind, für ihreWaren, Arbeitsleistungen u. s. w. höhere Preise zu erzielen, wäh-rend sie für die übrigen Verkehrsobjekte noch keine höheren Preisezu bewilligen haben. Bei der relativen Stabilität der Arbeitslöhneliegt die zur Gemeinüberzeugung gewordene Annahme nahe, dafs dieArbeitslöhne sich zuletzt von allen in Geld bestehenden Äquivalentenden Veränderungen des Geldwertes anpassen, dafs mithin eine Geld-wertsteigerung die Arbeiter vorübergehend auf Kosten der Unternehmerbegünstige, während eine Geldentwertung die Unternehmergewinne aufKosten der Lebenshaltung der Arbeiter erhöhe. Wie weit diese Wir-kungen Platz greifen, hängt in grofsem Umfange von der sozialenMachtstellung der Arbeiterschaft ab; je geringer diese ist, desto leichterist es für die Unternehmer, wenn sie bei einer Geldwertsteigerunggeringere Preise für ihre Produkte erhalten, die Arbeitslöhne ent-sprechend zu reduzieren; je grölser die Machtstellung der Arbeiter ist,desto leichter können diese im Falle einer Geldentwertung und einerSteigerung der Preise ihrer Lebensbedürfnisse eine entsprechende Er-höhung ihrer Arbeitslöhne herbeiführen.

Eine bleibende Verschiebung wird durch Veränderungen des Geld-wertes in dem Verhältnis zwischen Schuldnern und Gläubigern hervor-gerufen. Eine Geldwertsteigerung bedeutet eine Begünstigung aller der-jenigen, welche Geld zu fordern haben, sei es auf Grund eines gewährtenDarlehens, sei es auf Grund fester Renten- oder Gehaltsansprüche.Eine Geldentwertung bedeutet eine Begünstigung aller derjenigen,welche zu solchen feststehenden Zahlungen verpflichtet sind. Häufigsind die Gläubiger ganz allgemein als diewirtschaftlich Stärkeren",denen eine Benachteiligung nichts schade, die Schuldner als diewirt-schaftlich Schwächeren", denen man eine Erleichterung gönnen undwünschen dürfe, hingestellt worden. Es mufs deshalb darauf hinge-wiesen werden, dafsGläubiger" in dem hier in Betracht kommendenSinne nicht nur der grofse Kapitalist ist, sondern auch der kleine, oftunfreiwillige Rentner und der Arbeiter, der seine Ersparnisse in einerSparkasse angelegt hat; dafs andrerseitsSchuldner" nicht nur die Bauernsind, deren Grundbesitz hypothekarisch belastet und überlastet ist,sondern auch die grofsen und gröfsten Unternehmer, die teilweise mitfremdem Kapital arbeiten, die Aktiengesellschaften mit Prioritäts-anleihen u. s. w. Die Arbeiterklasse ist im allgemeinen nicht ver-schuldet, da ihr nur in beschränktem Umfange Kredit gewährt wird;