12. Kapitel. Der Geldwert. § 5.
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dagegen sind gerade die besten Elemente der Arbeiterschaft im stände,kleine Ersparnisse zurückzulegen.
Abgesehen von den Verschiebungen zu Gunsten und zu Ungunsteneinzelner Kreise und Gruppen innerhalb der Volkswirtschaft üben dieVeränderungen des Geldwertes einen Einflufs auf den gesamten Gangdes Wirtschaftslebens aus. Eine Verringerung des Geldwertes, diesich allmählich in einer Steigerung aller Preise und aller übrigen inGeld bestehenden Gegenwerte durchsetzt, ist geeignet, einen speku-lativen Aufschwung zu befördern. Schon die Ermäfsigung der Zins-sätze, die sich als nächste Folge eines Überwiegens des Geldangebotsüber den Geldbedarf ergiebt, hat die Tendenz, eine Ausdehnung derUnternehmungen zu begünstigen. Manches Geschäft, das bei 5 ProzentDiskont keinen Gewinn mehr bringen würde, erscheint bei 3 ProzentDiskont noch lohnend. Die Geldflüssigkeit bewirkt ferner ein Steigender Kurse der sicheren und zu einem festen Satze verzinslichen Ahlage-papiere. Dadurch wird das Publikum zur Aufnahme von Dividenden-papieren günstig gestimmt. Die Nachfrage nach Industriepapierenregt zu Gründungen an, die ihre Berechtigung nicht in den Verhält-nissen des Warenmarktes haben, die vielmehr nur in Rücksicht aufdie günstige Absatzgelegenheit für Industrie- und Bankaktien vor-genommen werden. Die sich allmählich über die einzelnen Waren-gruppen erstreckende Preissteigerung, die — solange sie sich nichtallgemein durchgesetzt hat — einzelnen Produktionszweigen erhöhteGewinne ermöglicht, trägt dazu bei, einen Aufschwung zu begünstigen,der von vornherein auf falschen Voraussetzungen beruht. Indem dieerweiterten und neugegründeten Unternehmungen Waren produzieren,für welche die wirkliche Nachfrage nicht entsprechend vermehrt ist,führen sie zur Überproduktion, indem die vorübergehenden hohen Ge-winne einzelner Unternehmungen, die niedrigen Zinssätze und die hohenKurse der sicheren Anlagewerke zu einer übertriebenen Nachfragenach Industriepapieren Anlafs geben, führen sie zur Überspekulation,bis schliefslich der unvermeidliche Zusammenbruch eintritt.
Umgekehrt hat man sich die Wirkungen einer Geldwertsteigerungvorzustellen. Die Erhöhung der Zinssätze, in welchen sich die dasAngebot übersteigende Geldnachfrage zunächst äufsert, übt eine ein-schränkende Wirkung auf die Geschäftsthätigkeit aus. Der Preis-rückgang, der allmählich Platz greift, verringert die Gewinne undlähmt den Unternehmungsgeist. Die zuerst und am schwersten vondem Preisrückgang betroffenen Unternehmungen, die ihre Produktions-kosten — vor allem die Arbeitslöhne — nicht entsprechend dem ge-ringeren Erlös für ihre Erzeugnisse herabzudrücken vermögen, er-leiden Einbufsen und sehen sich zu Betriebseinschränkungen oder garzu Betriebseinstellungen gezwungen. Die geringere Nachfrage nach