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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
529
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12. Kapitel. Der Geldwert. § 9.

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Papiergeld überhaupt nur als Geld zu gebrauchen, es ist die reineVerkörperung der Geldfunktion. Nicht nur die Gerechtigkeit und dasGesamtinteresse der Volkswirtschaft, sondern auch die Entwicklungs-geschichte des Geldes scheint mithin auf die reine Papierwährung alsauf die ideale Geldverfassung hinzuweisen.

Es bestehen jedoch gewisse praktisch unüberwindliche Hinder-nisse, welche die Erreichung dieses Endpunktes der logisch denkbarenEntwicklung des Geldes in unerreichbare Fernen hinausschieben. So-lange gewisse wesentliche Züge unsrer politischen und wirtschaft-lichen Verfassung fortbestehen, und so lange unsre Einsicht in die wirt-schaftlichen Zusammenhänge nicht sehr viel tiefer und sicherer ist als beidem gegenwärtigen Stande der nationalökonomischen Wissenschaft, wirddie Papierwährung stets nur als eine Anomalie betrachtet und die Verbin-dung des Geldwertes mit einem der Edelmetalle als der wünschenswerteund normale Zustand angestrebt werden, und zwar ausfolgenden Gründen:

So sehr man auf den ersten Blick einen Vorteil der reinen Papier-währung darin erblicken mag, dafs sie die Staatsgewalt in die Lagesetze, durch eine Regulierung der Geldausgabe nach dem Geldbedarfden Geldwert in voller Stabilität zu erhalten, so grofse Schwierigkeitenwürden der praktischen Verwirklichung dieses Vorteils entgegenstehen.Zunächst fehlt uns jedes zuverlässige Kriterium für die Veränderungendes Geldwertes. Man braucht sich nur die wissenschaftliche Litteraturanzusehen, in der das Kriterium für einen nicht genügend gedecktenGeldbedarf teilweise in einer Steigerung der Zinssätze für kurzfristigenKredit, teilweise in einem Sinken der Warenpreise gesucht wird, undman braucht demgegenüber nur die soeben geschilderte thatsächlicheEntwicklung der letzten Jahrzehnte ins Auge zu fassen, in der regel-mäfsig nicht etwa steigende Diskontsätze und sinkende Preise, sondernumgekehrt steigende Diskontsätze und steigende Preise zusammenfielen.Nach der Ansicht derjenigen, welche in mehr oder weniger kompliziertenPreisstatistiken den exakten Mafsstab des Geldwertes sehen, hätte beieiner Geldverfassung, welche dem Staate die Regulierung der Geld-versorgung völlig in die Hand giebt, der Geldumlauf Deutschlands inden Jahren 1897 bis 1899, um der allgemeinen Preissteigerung ent-gegen zu wirken, erheblich eingeschränkt werden müssen, und das beieinem offiziellen Diskontsatze von zeitweise 6 und 7 Prozent! WelcheKatastrophen durch eine solcheRegulierung des Geldwertes" herauf-beschworen worden wären, ist kaum auszudenken. Umgekehrt hättenach der Auffassung derjenigen, welche in den Bewegungen des Diskont-satzes das Kriterium des Geldbedarfs erblicken, der Geldumlauf durcheine schrankenlos erweiterte Emission von Papiergeld im Wege derKreditgewährung zu einem niedrigen Zinsfufs vermehrt und die Über-produktion und Überspekulation noch künstlich ermutigt werden müssen.

Helfferich, Das Geld. 34