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Der Waehrungs- und Wahlkampf in den Vereinigten Staaten von Amerika
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mich können wir die Frage nur dahin richten: welche Entwicklungwird die amerikanische Volkswirtschaft unter Mc. Kinleys oder BryansProgramm nehmen?

Näher besehen, hat Deutschland keinen Grund, sich für daseine oder andere Programm besonders zu erwärmen; denn beide stehenim Dienste des das Ausland systematisch bekämpfenden Nativismus.Mc, Kinley will die fremde Industrie direkt durch Anziehen derZollschraube, Bryan indirekt durch das Goldagio Prohibieren, Beidestreben eine künstliche Preiserhöhung au, Mc. Kinleh im Wege derZollerhöhnng, Bryan durch Vermehrung der Geldmenge nnd Senkungdes Geldwerts, Ziel und Mittel ist von dem einen so unlogischund so gefährlich, wie von dem andern. Beide meinen, mit einer künst-lichen Verteuerung der Waren sei alles geschehen, während darauf dochimmer wieder die Reaktion und Krise nachfolgen muß. Ob diesekünstliche Verteuerung im Wege einer unvernünftigen Zollerhöhung oderder Silberfreiprägung erfolgt, länft auf dasselbe hinaus. Beide Mittelstürzen das schwer erschütterte Erwerbsleben der Vereinigten Staaten ,anstatt es zu beruhigen und zu befestigen, in neue Konvulsionen. Ins-besondere würde die Unsicherheit der Lage und die allgemeine Depres-sion, wollte sich je die Union in einen Zollkrieg mit Europa stürzen,nicht weniger verschärft, als durch die Entfesselung des Silberfanatismus,

Immerhin ist von beiden Uebeln das Mc. Kinley'sche das ge-ringere. Sein Sieg soll nach Ansicht unserer Bimetallisten den Be-ginn eines Goldkampfes zwischen Europa und Amerika , das Ende derGoldfülle und der niedrigen Diskonte bedeuten. Wir befürchten dasnicht, und zwar schon deshalb nicht, weil dieser Gold- und Diskont-krieg seit zwei Jahrzehnten unermüdlich prophezeit wird, aber noch nieeingetreten ist. So gut die Ansammlung eines Goldschatzes von 2 Mil-liarden Mark durch Rußland und von 700 Millionen Mark durch Oester-reich-Ungarn ohne Störungen des Geldmarktes gelungen ist, ebenso gutwürde dies den Vereinigten Staaten gelingen. Im Gegenteil ist dasAusbrechen eines Diskontkriegs mit dem Durchdringen des Freiprä-gungs-Programms viel wahrscheinlicher: denn in diesem Falle dürftenoch mehr Gold, als in den letzten Wochen geschehen, dem Markt ent-zogen uud in die Privntkassen, sei es zu spekulativen Zwecken oderzum Schutz gegen gefährliche Wührungsexperimente eingesperrt werden.Dagegen erbringt und bedeutet jede Festigung des Vertrauens des Pub-likums auf die Währung das gerade Gegenteil einer Goldknappheit:es kommen die eingesperrten Goldvorrätc wieder zum Vorschein, es ver-schiebt sich namentlich die Zahlungsbilanz, insofern die europäischenKapitalisten deu amerikanischen Unternehmungen und Schuldverschrei-bungen wieder mehr Interesse entgegenbringen und damit einen natur-gemäßen Kapital- nnd Goldzufluß hervorrufen. Der Bimetallisten Rech-nung kann nie stimmen, weil sie, in ihrer zu mechanischen Auffassungdes Geldverkehrs, eben diese völkerpsychologische Thatsache der Machtdes allgemeinen Vertrauens und der Marktstimmung nie berücksichtigen.