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Was die Zollerhöhuug anbelangt, so veröffentlichten die AnhängerMc. Kinleys, an ihrer Spitze ExPräsident Hcirrison Ende September eineErklärung, daß bei einein Erfolg der Republikaner an eine Wiederbelebungdes Hochschutzzolltarifs nicht zu denken sei und der Stabilität Rechnunggetragen werde, um nicht Handel nnd Wandel, die ohnehin so schwer dar-niederliegen, von neuem zu gefährden. Daß es Harrison und Genossen mitdieser Erklärung ernst ist, geht schon daraus hervor, daß sie eine Er-höhung des Zolltarifs nur durch Konzessionen an die demokratischenSilberleute erkaufen können. Vor einem Jahre hätte die Wahl Mc.Kinleys den Sieg des Hochschutzzolls bedeutet; heute ist diese Zollfrageganz in den Hintergrund getreten und bedeutet die Mc. Kinley-Ad-ministration in erster Linie den Sieg der bestehenden Wühruug unddamit, wie Lexis sich ausdrück,, „des Rechtsgefühls und gesundenMenschenverstandes über eine brutale und revolutionäre Demagogie."
Wie nun, wenn Brycm und der Silberdollar siegt? Die Be-sitzer amerikanischer Papiere werden, da die meisten Schuldverschrei-bungen auf Gold ausgestellt sind, vorerst die weitere Entwickelungabwarten können. Die Frage ist: wird ein „Boom" oder ein Kracheintreten? Um diese Frage dreht sich heute in der Union der ganzeWährungsstreit. Die Autwort dürfte sich aus der augenblicklichen ge-spannten Lage nnd dem demagogisch-inflationistischen Cha-rakter der Freisilberagitation ergeben. Was die letztere am meisten geför-dert hat, war das Umschmeicheln der Menge und ihrer Instinkte, derFarmer, der Arbeiter, der Nativisten. Nuu weist heute schon die all-gemeine Geschäftslage eine verzweifelte Aehnlichkeit mit derjenigen vordem Ausbruch der Krise von 1893 ans. Die erste Ursache hiezn nämlich gabder Sieg der Monroedoktrin auf wirtschaftlichem Gebiete, wie er im Jahre1889/90 im Mc. Kinley-Tarif, im „Pan-Amerikcmismus" nnd in der Sher-man-Akte zum Ausbruch kam und das Vertrauen der europäischenGläubiger erschütterte. Dazu gesellte sich die bedenkliche Verschlechte-rung der Finanzen der Union: die Ausschöpfung des Schatzamtesdurch die Erhöhung der Pensionen, die Abschaffung des Zuckerzollsund die Zahlung der Zuckerprämie. Dann traten die Betrügereienim Eisenbahnwesen und in einigen großen Aktiennnternehmungen undin Trusts zu tage, wodurch das fremde Kapital noch mehr stutziggemacht wurde. Durch die Herausziehung von Kapitalien in Goldaber wurde nun die Silberfrage brennend und gefährlich. Für denWiederausbruch einer ähnlichen Krise liegt heute schon, wie die Börsen-derouten vom 20. Dezember 1895 nnd 15. Juni 1896 zeigen, Zünd-stoff genug vor. Brycm nun wird zn dem Zwecke gewählt, daß er dieversprochene Senkung des Geldwerts und eine dementsprechende Hebungder Warenpreise durchführt. Als Präsident würde er zwar wohl schonin einigen Monaten vor den Folgen des wahnwitzigen Mittels zurück-schrecken, sobald einmal das Schatzamt alles angebotene Silber, das heutekaum 90 per Kilogramm gilt, um 170 per Kilogramm anzu-kaufen hätte. Aber eine andere Frage ist, ob er die Geister los wird, die