jft Die Reichsbank von 1SV1 bis zum Ausbruch des Weltkrieges
Für die schwierige Lage der Reichsbank zur damaligen Zeit ist dieTatsache charakteristisch, daß die Bank bei einem Kontingent steuerfreierNoten in Höhe von 472,8 Millionen Mark bereits am 31. August (zum ersten Malan diesem Termin) in die Notensteuer geriet. Die Überschreitung war freilichnicht groß und schon acht Tage später behoben. Auch erreichten die allerdingswieder sehr hohen Geld- und Kreditansprüche zum Septemberschluß nicht denGrad der vorjährigen, und die Rückflüsse während der nächsten 14 Tage warenstärker als damals, so daß die Bank Mitte Oktober in jeder Hinsicht kräftigerdastand als ein Jahr zuvor. Bei der ersichtlich langsamer werdenden Geschäfts-tätigkeit hoffte man aus diesen Gründen, mit dem 5V2°/(,igen Satz für den Restdes Jahres auszukommen, als eine schwere Krisis im amerikanischen Wirt-schaftsleben diese Erwartung zunichte machte. Sie führte dahin, daß dieamerikanische Volkswirtschaft ihre volle Kraft und ihren Kredit einsetzte, umGold von allen Seiten heranzuziehen. Die Devisenkurse, die bei uns bisher zukeiner Besorgnis Anlaß gegeben hatten, kehrten sich nunmehr gegenDeutschland , und die Monat für Monat aktiv gewesene Bilanz der Gold-Ein-und Ausfuhr wurde im November in einem außerordentlich hohen Grade passiv.
Hatte die von der Reichsbank am 29. Oktober vorgenommene Hinauf-setzung ihres Diskonts auf 6'/-°/» mehr dem Schutze gegen übermäßige Kredit-ansprüche des Inlandes als dem Schutze der Devisenkurse gedient, so stellte sich dieweitere Diskonterhöhung auf 7'/2°/° am 8. November ausschließlich als dieunvermeidliche Reaktion auf die beträchtlichen Goldabflüsse und die Diskont-erhöhungen, mit denen die maßgebenden Notenbanken des Auslandes voran-gegangen waren, dar.
Die Wirkungen der letzten Steigerung der Zinsrate blieben nicht aus.Schon der Dezember brachte ein Überwiegen der Goldeinfuhren, das freilichdie Goldbilanz des Jahres nicht mehr aktiv zu gestalten vermochte. Doch warder per Saldo eingetretene Verlust von etwa 20 Millionen Mark angesichts der imLaufe der Jahre zu großer Höhe angestiegenen monetären Goldvorräte desLandes nicht als erheblich zu bezeichnen.
Das Jahr 1908 war für die Reichsbank von besonderer Bedeutung durchden Wechsel im Präsidium des Direktoriums. Der Reichsbankpräsident Dr. Koch,der seit 1890 an der Spitze der Reichsbank gestanden hatte, trat am 8. Januarin den Ruhestand. An seiner Stelle wurde der bisherige SeehandlungspräsidentHavenstein zum Präsidenten des Reichsbankdirektoriums ernannt, in welcherStellung er bis zu seinem Tode (20. November 1923) verblieben ist. Eine