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Die Reichsbank von 1901 bis zum Ausbruch des Weltkrieges
Das Jahr 1913 bezeichnet trotz der ungeklärten politischen Lage einenHöhepunkt unseres Wirtschaftslebens. Die Kohlenförderung und die Eisen-produktion wiesen im Jahre 1913 Höchstziffern auf. Dazu kam eine außer-gewöhnlich gute Ernte, die das selten günstige Ernteergebnis des Vorjahres nochübertraf. Der wirtschaftliche Aufschwung bedingte eine starke Inanspruchnahmeder Reichsban?, die auch dem Reiche von neuem hohe Kredite geben mußte.An Schatzanweisungen hatte sie am Jahresschluß 306 Millionen Mark in ihremBestände. Die drohende politische Lage veranlaßt? die Reichsregiernng, mittelsdes Gesetzes über Änderungen im Finanzwesen vom 3. Juli 1913 (RGBl. S. 521)eine Verstärkung des Reichskriegsschatzes um 120 Millionen Mark herbeizuführenund gleichzeitig eine Prägung von Reichssilbermünzen, ebenfalls bis zur Höhevon 120 Millionen Mark, zwecks Schaffung einer Silberreserve zur Befriedigungeines außerordentlichen Bedarfs in die Wege zu leiten. Von den 120 MillionenMarkGold lieferte dieReichsbank allmählich zum großen Teil noch imJahre 1913gegen Hereinnahme der auf Grund des Gesetzes neu ausgefertigten Reichskassen-scheine zu 5 und 10 Mark 85 Millionen Mark an das Reich ab. Dessenungeachtetwuchs der Goldbestand der Bank angesichts der nunmehr eröffneten Möglichkeit,kleine Noten ohne Begrenzung auszugeben, in Verbindung mit einem starkenAnwachsen der Ausfuhr fortgesetzt. Am 31. Dezember betrug er 1169,97 Mil-lionen Mark. Was den Diskontsatz anlangt, so mußte er in Anbetracht der starkenAnspannung des Geldmarktes bis in den Herbst hinein auf dem hohen Standevon 6°/° belassen werden. Erst am 27. Oktober konnte die Reichsbank den Satzauf 5'///» und am 12. Dezember auf 5°/° ermäßigen.
Die Periode aufwärtsstrebender geschäftlicher Konjunktur wurde erstdurch den Ausbruch des Weltkrieges beendet. Die schon im letzten Teil desJahres 1913 beobachtete flüssige Gestaltung des Geldmarktes war dieser Ent-wicklung günstig. Die Kreditanforderungen der Wirtschaft an die Reichsbankließen nach, während das Reich allerdings wieder wachsenden Geldbedarf zeigte.Die Zinssätze schwächten sich weiter ab. Schon am 22. Januar konnte derDiskontsatz auf 4^°/o und am 5. Februar auf den Stand von 4°/o ermäßigtwerden, auf dem er bis zum 31. Juli verblieben ist. Die günstige Bilanz derGoldein- und -ausfuhr des Vorjahres setzte sich fort. Am 23. Juli 1914 konntedie Reichsbank mit 1371,1 Millionen Mark den höchsten Goldvorrat der Vor-kriegszeit aufweisen.